Komische Oper : Affekte ohne Grenzen

Der barocke Krieg: Benedikt von Peter debütiert mit Händels „Theseus“. Die Tragödie mit tänzerisch jauchzender Freude überzeugt mit seinen agilen Schauspielern und bewegten Bildern.

Sybill Mahlke
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Rache einer Verschmähten: Marina Rebeka (Agilea) in Aktion. -Foto: Barbara Braun/Drama

Geduld! Geduld! Dem eiligen Theaterbesucher wird dieser Langzeit-Händel mit seinen Irrungen und Wirrungen wenig geben. Eine Musik vom Feinsten indes bis ins stürmische Unisono beschert das Orchester der Komischen Oper Berlin mit historischen Zusatzinstrumenten unter der empfindsamen Leitung von Alessandro de Marchi. Regisseur Benedikt von Peter ist 31 Jahre, naturgemäß nicht weise, aber voll überbordender Fantasie. Wer sich auf seine Arbeit einlässt, wird entdecken, wie viel der junge Theatermann von musikalischen Affekten versteht – während man hier szenisch in Frank Castorfs Volksbühne gelandet ist, die ja neuerdings auch Oper spielt.

Im „Theseus“, der frühen Oper Georg Friedrich Händels, sind die Gefühlswegweiser ins Idealtypische erhoben. Die Regie von Peter stimmt die dargestellten Affekte so aufeinander ab, dass kein Dacapo der vielen Arien in der Bewegung stagniert. Nach fünf Akten und fast vier Stunden ist das Premierenpublikum ein wenig müde, aber überwiegend glücklich.

Medea – rasend, wütend, die archaische Zauberin aus Kolchos, eine der faszinierendsten Frauen der griechischen Mythologie. Wo es in Accompagnati und Arien um ihr Charakterbild geht, ist die Musik groß. Schatten lässt sie der Tiefe dunkler Schluchten entsteigen, eine Figur aus Hoheit, Magie und Schrecken. Die Sage kennt sie als Rächerin. So steht sie auch in Händels Oper. An deren Beginn indes liegt die berühmteste Station ihres grausamen Weges schon hinter ihr. In Korinth hat sie die Untreue ihres geliebten Mannes Jason mit vergiftetem Kleid, in dem die Nebenbuhlerin verbrennt, und Mord an den eigenen Kindern gerächt: liebend, leidend die euripideische Medea, unfassbar in ihrer Wut.

Auf der Opernbühne gedenkt sie dieser Vergangenheit im Rezitativ, um sogleich in neue, ungebändigte Leidenschaft zu stürzen. Theseus, der große Held der antiken Welt, hat es ihr angetan. Als Verlobte seines Vaters Ägeus trachtet sie ihm nach dem Leben, nicht weil sie der Überlieferung gemäß ihren eigenen Sohn auf dem Thron Athens sehen will, sondern – wir sind in der Oper! – weil sie verliebt ist, die designierte Stiefmutter in den Stiefsohn Theseus. Der liebt natürlich eine andere, Agilea, und damit beschäftigt sich das ganze Quid-pro-Quo der Oper.

Denn auch König Ägeus möchte Agilea heiraten, verzichtet aber zu Gunsten des Theseus, den er in letzter Minute als seinen Sohn identifiziert und vor Medeas Giftcocktail rettet: „Nun hab ich dich wieder, mein Junge!“ So sagt es die deutsche Textfassung von Bettina Bartz und Werner Hintze. Für Medea ist das Stück eigentlich eine Tragödie, für die anderen, König, Sohn, Geliebte und ein weiteres Paar, Clizia und Arkane, endet es barockgemäß in tänzerisch jauchzender Freude.

Dieser leichtherzige Schluss, der sensible Geister schon nach der Londoner Uraufführung 1713 gestört hat, mündet bei Benedikt von Peter in eine fernsehtaugliche Spaßgesellschaft. Konsummüll. Raffinesse und zuviel Video, live auf der Bühne. Der Regisseur gründelt tief, wenn er den Krieg, aus dem Theseus als Soldat siegreich heimkehrt, zum Hauptthema seiner Interpretation macht. Aber er schafft damit spannende Momente der Personenregie. Die wartende Gesellschaft in einer Art Bunker. Das Nötigste, die Kaffeemaschine und Wasserflaschen. Den Schäferton der Einleitung unterbricht die vor den zweiten Akt versetzte Ouvertüre.

Rückblende. Medea mit ihren Kindern im Regen, Schlachtfeld, Schlamm. In langsamem Arioso singt sie ihre Sehnsucht nach Frieden des Herzens aus. Und wird zur Hexe, nachdem der gefühllose Veteran Theseus mit ihren Gefühlen gespielt hat, wie die Regie zu zeigen weiß. Ihre Zauberei ist modernes Maschinentheater mit Windrad und Chemie. Und das ungemütliche Feldherrnzelt mutiert im Lauf des Abends zu Wohnküche, Filmstudio oder bürgerlichem Weihnachtszimmer, in dem die kleinen Knaben der Medea – listiges Theatermittel – als freche Modepüppchen verkleidet Platz nehmen (Bühne: Natascha von Steiger, Kostüme: Katrin Wittig).

Fremdheit und Entfremdung bestimmen nicht nur Medea, sondern etwa auch das scheinbar in Treue und parallelen Sechzehnteln duettierende Paar Agilea/Theseus: „Liebste!“, „Liebster! – beide Seufzer mit Fermate. Dem berühmten Tucholsky-Satz „Soldaten sind Mörder“, der dem Theseus als Pappschild aufgebürdet wird, hält die Partitur nicht stand. Zwischen dem variationsreichen Motiv des Brautschleiers, dem martialischen Beil der Rächerin, Heiner Müllers „Medeamaterial“, Umzugskisten, Nudelholz und Essen aus Blechbüchsen tischt die Inszenierung vieles auf, zuviel vielleicht und auch Abgegriffenes, aber der Unterhaltungswert stört die Tiefe der Medea-Szenen nicht.

Die Regie kann darauf bauen, dass alle Darsteller auch als agile Schauspieler imponieren. Stella Doufexis ( Medea) bezaubert in Tempo- und Stimmungswechseln wie im Presto der „Rache“. In der Koloratur und Klangkultur stehen ihr Elisabeth Starzinger (Theseus), Marina Rebeka (Agilea) Karolina Andersson (Clizia) sowie die beiden fabelhaften Countertenöre David DQ Lee (Arkane) und Hagen Matzeit (Ägeus) nicht nach. Auch dieser König hat seine Rachenummer, und der Sänger schleift die schnellen Noten zu einem brillant komischen Glissando zusammen. So erfährt die Affektenlehre eine hübsch verfremdende Kehrseite.

Viel ist in der Aufführung zu bestaunen, auch dass diese Arie („Ich will strafen“) wie die Gesänge der Agilea quasi Bildnisarien sind. Hier erinnert ein Foto an den Geliebten, dort wird ein Porträt kindisch zerstört. Bilder als Ersatz für Personen. Und für Taten.

Wieder am 15. und 24. Februar sowie am 3., 14., 22. und 29. März.

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