Kultur : Komische Oper Berlin: Ein Stuss - und dann Schluss

Ulrich Amling

Eine Showtreppe blinkt einsam vor sich hin, von fern weht eine Musik heran, die einem seltsam vertraut erscheint. Nino Rota hatte sie einst für Fellinis Filme geschrieben, jetzt soll sie das Ballett der Komischen Oper auf Trab bringen, von dem sich Richard Wherlock nach zwei mehr als glücklosen Jahren mit einem "Ballett-Musical" verabschiedet. Was dem Chefchoreographen zuvor nicht gelingen wollte, die hohe Kunst, sollte an diesem Premierenabend gar nicht mehr angepeilt werden. Wenn schon alle Träume zu Schanden gingen, alle Hoffnung verflogen ist, dann wäre es Zeit für herzhaftes Lachen: eine gekündigte Compagnie auf der Flucht in die Komödie.

Damit es auch recht heiter werde, hat Wherlock gleich mehrere Schichten komödiantisches Material übereinander getürmt. "Der Widerspenstigen Zähmung oder: Kates Comeback" liegen Shakespeare (Weltliteratur!), Cole Porter (Musical!), Nino Rota und Ennio Morricone (Spaghetti-Western!) zu Grunde. Ein Cocktail edelster Zutaten, für dessen Zubereitung Wherlock nur leider das Rezept nicht kennt. Und so gerät der Abend zum Ausschank verunglückter Mixturen, die Schluck für Schluck mehr ernüchtern. Dabei wird an Deftigkeit nicht gespart. Hinter den Kulissen eines Filmstudios, das sich im Italien der fünfziger Jahre befinden soll, tobt die Eifersucht. Während man eine Film-Ballett-Variante von Shakespeares Zähmung dreht, für deren Niveau sich das Ballett der Friedrichstadtpalastes geschämt hätte, blühen allerlei berufliche und sexuelle Begehrlichkeiten auf. Ein flottes Nümmerchen auf dem Kussmundsofa inklusive.

Wie in Cole Porters Musical-Hit "Kiss me, Kate" soll aus dem permanenten Verrutschen von Film- und Privatrolle das rare Stimulanzmittel Komik gewonnen werden. Leider wollte Wherlock noch raffinierter als Porter sein, wollte von diesem Meister des sophisticated entertainment nicht lernen, sondern alles noch viel bunter treiben. Das Ergebnis: Hilflos eiern die Tänzer durch undurchschaubare Konstellationen, werden gnadenlos durch die Ulkmaschine gedreht und bekommen als Entschädigung noch nicht einmal halbwegs annehmbare Tanzarrangements angeboten.

Dafür dominiert das schnippische Posing (egal ob bei Mann oder Frau), der abgedroschene Slapstick-Ausfallschritt und der sturzbiedere Umgang mit Uralt-Klischees. Rotas Musik soll die drögen Szenenwechsel zirzensisch aufladen. Eine Musik, deren traumhafte Verlangsamung keine die Handlung befeuernde Kraft hat, auf der jede Schrittfolge ins Stocken gerät, jede versuchte Virtuosität zum Humpeln verkommt. Als dann noch dicke Mafiosi mit Spaghetti (Morricone!) werfen und ein "Mister Texas" vorbei stolpert, steht fest: Hier ist die Provinz. Die denkbar weiteste Entfernung zur Welt, ihren Gerüchen, ihrem Charme. Einer der großen Hits aus "Kiss me, Kate" jubiliert, die Stimmung sei einfach "Too darn hot". Ballett-Berlin aber ist ein kalter Ort.

Wenn Wherlock in wenigen Wochen als Ballettchef nach Basel übersiedelt, dann lässt er mehr als nur einen Koffer in Berlin zurück. Irgendwo in den weit verzweigten Gängen der Komischen Oper hat er seinen guten Ruf verloren. Wie unfassbar das - trotz zahlreicher Vorboten des Untergangs - dennoch ist, zeigte sich an der erstickten Stimmung auf der Premierenfeier. Intendant Albert Kost setzte dagegen erklärte die Zukunft des Balletts an der Komischen Oper für gesichert, die Suche nach einem Nachfolger für Wherlock sei in vollem Gange: "Der Kreis der Bewerber wird enger und enger." Nachdem man erleben durfte, wie sehr sich ein Choreograph durch seine Arbeit an der Komischen Oper demontieren kann, mag Kost zumindest damit recht behalten.

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