Kultur : Komische Oper Berlin: Ich liebe euch doch alle

Ulrich Amling

Fassungslos steht ein reiferes Opernenthusiastenpaar aus London im Strom des abwandernden Premierenpublikums. Soeben haben die beiden erlebt, wie "Boris Godunow"-Regisseur Uwe Eric Laufenberg vom Publikum der Komischen Oper auf offener Bühne mit einer Buh-Salve niedergestreckt wurde. "Ich habe selten eine Inszenierung gesehen, die so stark gespielt war und so voller Ideen", sagt der Mann verwundert. "Und in London kosten vergleichbare Tickets drei mal mehr", fügt die Frau hinzu.

Es ist nicht zu überhören an diesem Abend: Der wutschnaubende Protest gegen Inszenierungen, die versuchen, sich aus der Ausstattungsecke heraus zu manövrieren, hat nun auch das einstige erste Dulder-Haus am Platz erreicht. Hier wusste das Publikum schon immer, das nicht alles Gold ist, was glänzt, sondern meistens Kupfer. Geklatscht wurde trotzdem. Nun waltet auch an der Komischen Oper der Ungeist, den die Berliner Opernkrise auf den Plan rief und fordert: "Weg mit dem Regietheater!" Eine Demonstration, kurz vor dem 1. Mai.

Bei genauerem Hinsehen jedoch erntet Laufenbergs "Boris" nichts anderes als den Fruststurm, den er selbst gesät hatte. Dabei ist die Leistung seiner Arbeit nicht von der Hand zu weisen. Zuallererst: Die mutige Entscheidung für Modest Mussorgskis Urfassung von 1869, die mit ihrer fast filmischen Dramaturgie in nur wenigen Szenen die Grundkonflikte von hungerndem Volk und fallendem Zar einfängt. Pausenlos in gut zwei Stunden auf die Bühne gestemmt, glimmt die kühne Konzeption des Komponisten intensiv und dunkel auf. Der später hinzukomponierte "Polen-Akt", der eine große Sopran-Partie ins Spiel brachte und jenen Grigori, der als "falscher Dimitri" auf den Zarenthron drängt, zu einer wirklich menschlichen Gestalt formte, fehlt - und man vermisst ihn nicht. Auch ist Laufenbergs Idee, die blutige Erbfolge, die um 1600 in Russland tobte, in die heutige Zeit zu versetzen, direkt aus dem "Boris" destilliert. Sowohl Puschkin, der mit seinem Drama die Vorlage lieferte, als auch Mussorgski kommentierten mit ätzender Schärfe die Entwicklungen ihrer Gegenwart. Ein Historienschinken war "Boris Godunow"nie.

Doch wie bis zur Gegenwart vordringen, wie das auf die Bühne bringen, was früher nur "eine Einmischung in die inneren Angelegenheiten der Sowjetunion" hieß. Mussorgski kannte seinen Königsweg: "Das Volk allein ist unverfälscht, groß und ohne Tünche und Flitter.", schrieb er. Damit hatte er sich zu einem Liebesbekenntnis für die manipulierbare Masse durchgerungen, das weit über Puschkins spottende, den Pöbel verachtende Sicht hinaus ging. Uwe Eric Laufenberg landet irgendwo dazwischen, was vielleicht auch daran liegt, das ein ganzer Opernchor für einen Regisseur nur schwer zu lieben ist. So gewinnt das Volk in einer einzigen Szene wirklich Größe: Wenn es auf einer Müllhalde stochernd den kommenden Herrscher ersehnt, in der diffusen Hoffnung, das es nur noch bergauf gehen kann. Als Boris (Pavel Daniluk) an seinen darbenden Untertanen vorüber geht, greift er instinktiv in seine Manteltaschen. Doch als Zar trägt man keine Geldbörse bei sich. Traurig stapft der Herrscher weiter. Diesen kleinen Szenen im Binnengeflecht der Figuren ringt der Schauspielregisseur Laufenberg durchaus Kraft ab.

Doch leider versinkt alles nach und nach im Sumpf halbgarer Russland-Bilder, die statt aktueller Zuspitzung nur zu geschichtlicher Unschärfe führen. Dass Bilder vom deutschen Überfall auf die Sowjetunion und die Staatskrisen unter Gorbatschow per Video verschnitten werden und zusammen soßig von einer riesigen Leinwand tropfen, ist nichts als dumm. Und wenn nach einer wodka-marinierten Wirthausszene Maschinengewehrfeuer durchs Grenzgebiet dröhnt, ist wahrscheinlich nur ein Tontechniker wild geworden. Hier wird nicht zuviel gewagt, sondern schlicht zuwenig gedacht.

Trotzdem sollte man sich diesem "Boris Godunow" musikalisch nicht entgehen lassen. Ohne der glatten Pracht von Rimsky Korsakows Bearbeitung auch nur eine Minute nachzutrauern, entdeckt Alexander Anissimov mit dem Orchester der Komischen Oper das Schroffe, Erdige wie auch das lyrische Potential der Partitur. Ein erstklassiger Begleiter mit kammermusikalischem Gehör. Pavel Daniluk verleiht seinem Boris durchaus liebevolle Züge, deklamiert aber zuviel, um als Sänger restlos zu überzeugen. Genau anders herum verhält es sich bei Theo Adams Pimen, der zu viel vergangenen Schmelz beweisen will. Martha Mödl schließlich verwandelt die Amme in ein Gespenst von furchterregender Präsenz. In ihren großen Greisinnenaugen gewinnt das Leiden, das Aufbegehren, das Menschliche endlich eine glaubwürdige Gestalt.

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