Kultur : Komische Oper: Gruppenbild ohne Pepe

Frederik Hanssen

In dem Moment, wo der Fluchtreflex übermächtig zu werden droht, setzt die Folter plötzlich aus, bricht das Gewitter greller akustischer Eruptionen in sich zusammen. Nach 90 nervenzerfetzenden Minuten kehrt die Ruhe nach dem Sturm ein in Bernarda Albas Haus, eine atemlose Stille breitet sich aus zwischen den tönenden Mauern, die Aribert Reimann um Federico Garcia Lorcas Theaterstück errichtet hat. Der 65-jährige Berliner Komponist meint, heutzutage keine fähigen Librettisten mehr finden zu können - und vertont darum Weltliteratur. Für seine siebte Oper fiel die Wahl also auf Lorcas düstere, archaische "Tragödie von den Frauen in den Dörfern Spaniens". Nach dem Tod ihres Mannes befielt Bernarda Alba ihren Töchtern acht Jahre Trauer. Allein Angustias, ihr Kind aus erster Ehe, soll vorher heiraten dürfen. Pepe El Romano, der Dorf-Don-Juan, hält aus Geldgier um die Hand der bereits verblühten 39-jährigen Jungfer an, Sex jedoch holt er sich heimlich bei Adela, der jüngsten, lebensdurstigsten Tochter - bis Martirio, die Zweitjüngste, von Eifersucht zerfressen, alles aufdeckt.

Garcia Lorca zeigt in seinem 1936 entstandenen Stück Frauen am Randes des Nervenzusammenbruchs. Bei Aribert Reimann sind sie einen Schritt weiter. Bereits in den ersten Takten ist der Siedepunkt erreicht: Die acht Frauen sind dazu verdammt, unablässig einen Tonfall anzuschlagen, der sich als expressionistisch beschreiben ließe, in der Aufführungssituation aber nur als hochgradig hysterisch wahrgenommen werden kann. In diesem Haus, wo jeder jeden bespitzelt, wo der Hass ins Unermessliche wächst, je länger die unbemannten Sopranistinnen eingesperrt sind, ist keine andere Kommunikation denkbar als die brutalstmögliche, postuliert der Komponist - und übersieht dabei, dass die von Standesdünkeln getriebene Bernarda nichts mehr fürchtet als einen falschen Ton, der ans Ohr der Nachbarn dringen könnte.

Aribert Reimann macht es seinem Publikum schwer, sehr schwer - und die Komische Oper, die das im Herbst 2000 in München uraufgeführte Stück (vergleiche Tagesspiegel vom 1. 11. 2000) als Koproduzent nun in Berlin vorstellt, legt noch eins drauf: In pausenlosen zweieinviertel Stunden will der Komponist sein Werk gespielt sehen, wohl wissend, dass nur eingefleischte Wagnerianer bereit sind, für ihren Meister so lange eingeklemmt im Dunklen zu sitzen. Und die Leitung des Hauses bringt es nicht übers Herz, wie in München eine Obertitelanlage aufzuhängen, die Lorcas Text auch da nachvollziehbar macht, wo er in den weißglühenden Dauerhöhen der Sopranstimmen zu Vokalbrei zerschmilzt. Diese Prinzipienreiterei à la Bernarda Alba ist um so bedauerlicher, weil eine Umsetzung von allerhöchstem künstlerischen Niveau gelungen ist. Der Dirigent Friedemann Layer strukturiert, modelliert und koordiniert die Aufführung auf bewunderswürdige Weise, lässt mit der ungewöhnlichen Besetzung aus Holz- und Blechbläsern, 12 Celli und vier Klavieren Reimanns vielgesichtigen, immer wieder überraschenden Orchesterklang präzise und durchhörbar zutage treten. Die Sängerinnen vollbringen Höchstleistungen: Kerzengerade und unerbittlich schreitet Ute Trekel-Burckhardt durch die Mörderpartie der Bernarda Alba, während Anna Korondi (Adela) und Claudia Barainsky (Martirio) hinter ihrem Rücken zu aberwitzig virtuosen Koloraturduellen antreten. Mutig reizen auch Anne Pellekoorne, Jennifer Trost und Gun-Brit Barkmin als weitere Töchter und Chariklia Mavropoulou als Magd das Spektrum weiblicher Artikulationsmöglichkeiten aus. Isolde Elchlepp leiht der Vermittlerin im Familienkrieg, La Ponchia, ihre enorme Bühnenpräsenz und eine Stimme, die Marmor schneiden kann, aber als einzige auch menschliche Töne anschlagen darf. Und dann ist da natürlich noch Inge Keller, die wunderbare Schauspielerin, die als wirre Großmutter Ruhe-Inseln in diesen Stahlgewittern platziert.

Regisseur Harry Kupfer hält sich angesichts der dominanten Klangsprache mit eigenen interpretatorischen Zutaten zurück, beschränkt sich darauf, die Figuren mit souveräner Hand zu leiten. So sicher ist sich der Chefregisseur der Komischen Oper seiner Sache, dass er bis wenige Tage vor der Premiere der Reimann-Novität an seinem Haus in Florenz weilt, um dort Othmar Schoecks "Penthesilea" zu inszenieren. Frank Philipp Schlößmanns Bühnenbild-Skulptur aus "typisch spanischen" Stühlen gibt dem Spiel zwar einen optisch ansprechenden Rahmen, erzählt jedoch nichts über das Stück - im Gegensatz zu Klaus Bruns Kostümen. Im Einheitsschwarz der Kleider werden die Charaktere der Frauen in sprechenden Details geradezu greifbar: Der edle Stoff, der strenge, hochgeschlossene Schnitt erhebt die Patriarchin über ihre Töchter, unter Adelas durchsichtiger Bluse bebt ihr heißer Busen, während die Silhouette der ältesten Schwester ihre altjüngferliche Knochigkeit erschreckend unterstreicht.

Im dritten Akt, wenn das Drama seinem Höhepunkt zustrebt, beginnt sich die Musik zu verkrümeln. Erst verstummt das Blech, dann das Holzbläser. Die Celli frösteln. Schließlich bleiben nurmehr kurze, trockene Schläge der Klaviere übrig. Ihre letzten Worte spricht Bernarda Alba unbegleitet - und stellt damit die finale Frage: Hat Lorcas Stück durch Reimanns Veroperung eine neue, höhere Deutungsebene erreicht?

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