Komische Oper : Sekt in der Sammeltasse

Zum 60. Gründungsjubiläum: Andreas Homoki und Markus Poschner beglücken die Komische Oper Berlin mit einer "Fledermaus".

Frederik Hanssen

Es wird viel gelacht an diesem Abend. Auf der Bühne. Zum 60. Gründungsjubiläum schenkt sich die Komische Oper eine Neuinszenierung der „Fledermaus“. Mit dem Operettenklassiker hatte Walter Felsenstein am 23. Dezember 1947 ganz programmatisch sein neues Berliner Musiktheater eröffnet. „Musik, die nicht aus dem dargestellten Vorgang erwächst, hat nichts mit Theater zu tun“, notierte der Regisseur damals im „Fledermaus“-Programmheft, „und eine Darstellung, die sich nicht präzise und künstlerisch gültig mit der Musik identifiziert, sollte besser auf Musik verzichten.“ Die strengen Maßstäbe, die Felsenstein ansetzte, sind heute im gesamten deutschsprachigen Theater eine Selbstverständlichkeit; die Ziele des 1975 verstorbenen Sängerbewegers sind erreicht. Kann die Komische Oper also – Mission erfüllt – getrost aufgelöst werden? Natürlich nicht, findet der amtierende Hausherr Andreas Homoki: Weil sie weiterhin ein Ort ist, an dem lebendiges Musiktheater in exemplarischen Aufführungen gezeigt wird.

Darum ist hier Operette Chefsache. Lehárs „Lustige Witwe“ und Kalmans „Csardasfürstin“ hat Homoki bereits in der Behrenstraße auf die Bühne gebracht, in temporeichen Produktionen, die auf eine angenehme Weise zwischen Klamauk und Sozialsatire changieren. Bei der „Fledermaus“, der Königin des Genres, wollte es der Intendant nun besonders gut machen: Johann Strauß’ Boulevardmusikkomödie funktioniert nur, so betonte er im Vorfeld, wenn man die gesellschaftlichen Hierarchien zeigt. Ohne eine klare Definition von unten und oben ist das Spiel mit fingierten Identitäten, um das sich hier alles dreht, einfach nicht witzig.

Also entschied er sich mit seinem Ausstatter Wolfgang Gussmann für historische Kostüme und Einrichtungsgegenstände aus der Gründerzeit. Der Chor rauscht in Rüschenröcken und Fräcken zwischen gedrechselten Kommoden und rotsamtenen Sofas hindurch, Fischgrätparkett wächst die Wand hinauf bis zur Stuckkante. Eine fensterlose Stilmöbelhölle. Hier riecht es nach Fontane und Ibsen, in der Ballszene scheint das Geschehen für einen Moment in Richtung der Schnitzler’schen „Traumnovelle“ abzudriften, wenn der ahnungslose Gabriel von Eisenstein in eine geschlossene Gesellschaft gerät, wo jeder außer ihm mit den Regeln des Spiels vertraut ist.

Im April scheiterte Michael Thalheimer mit seiner gefledderten Maus am Deutschen Theater, weil er dem genialisch gut gebauten Stück nicht vertrauen wollte. An der Komischen Oper nun scheitert Homoki, weil er es zu ernst nimmt. Er klebt geradezu an der Handlung, wagt kein Wort zu streichen, keinen noch so ausgeleierten Gag rauszuwerfen, er bastelt und feilt und puzzelt im Detail – und vergisst dabei das Wichtigste: Sinn und Sinnlichkeit.

Der Prickelfaktor dieser „Fledermaus“ ist in etwa so hoch wie bei einem Glas Champagner, dem man die Kohlensäure entzogen hat. Die Darsteller sind mit großer Sorgfalt gecastet. Und allesamt Fehlbesetzungen: Eisenstein müsste ein Lebemann sein, doch Klaus Kuttler gibt den jovialen Halbglatzenspießer, der über die Bühne hoppelt, als müsse er dringend mal Pipi machen. Sein Ehegespons Rosalinde müsste eine raffinierte Frau von Welt sein, doch Gun-Brit Barkmin wirkt wie eine Jenny Treibel ohne Ambitionen. Martin Winklers Gefängnisdirektor Frank kommt als Professor Unrath daher, Natalie Karl singt die Adele blitzsauer, erinnert aber optisch, pardon, eher an eine dralle Dame vom Grill denn an eine geschäftstüchtige Prekariatsschönheit à la Verona Feldbusch. Den erotischen Trumpf des Stücks schließlich, den metrosexuellen Jünglingszwitter Orlowsky, wirft Homoki achtlos beiseite, indem er die Prinzenrolle mit einer Frau besetzt – der auch vokal zweifellos sehr attraktiven Karoline Gumos –, die auf offener Bühne als Mann verkleidet wird.

Mit diesem Personal lässt sich kein Operettenstaat machen. Schon gar nicht, wenn das ganze dauerverkalauerte Geschehen erdrückt wird von den Monstren aus Eiche und Wurzelholz auf der Bühne, diesem dunkeldüster furnierten Warenlager. So ein Ambiente fand einzig und allein Charlotte von Mahlsdorf sexy.

Warum sind denn die Leute früher aus ihren vollgerumpelten Wohnungen in die Ballsäle geflüchtet? Um mal ein wenig Luft zum Atmen zu haben! Wer aus der Reihe tanzen will, braucht Platz. Andreas Homoki aber serviert den Sekt in der Sammeltasse.

Wie großstädtische Lässigkeit bei Johann Strauß funktioniert, zeigt Markus Poschner, der 1. Kapellmeister der Komischen Oper, den sich das Bremer Theater gerade als Generalmusikdirektor geschnappt hat. „Tempo rubato“ lautet sein Zauberwort, gestohlene Zeit. Klingt wie geraubte Küsse und funktioniert auch so: Durch überraschende Temposchwankungen beginnt der Dirigent seinen rhetorisch-raffinierten Flirt mit dem Hörerohr, lässt das Publikum akustisch miterleben, wie Dr. Falke (Günter Papendell) seinem Kumpel Eisenstein Lust auf eine Seitensprung-Soirée macht und spielt im Terzett des Gefängnisdirektors mit Rosalinde und Alfred (Christoph Späth) lässig-lasziv mit dem Walzerrhythmus.

Andreas Homoki dagegen fängt bedächtig an und bremst sich im Laufe der drei Stunden immer mehr aus. Bis die Story im dritten Akt ganz zum Stillstand kommt, wenn der bemitleidenswerte Peter Renz als Gefängnisdiener Frosch vor einem versteinerten Parkett seine grau melierten Witze auswalzen muss: „Es ist gut, wenn ein Beamter morgens zerknittert zum Dienst erscheint. Dann hat er im Laufe des Tages jede Menge Entfaltungsmöglichkeiten.“

Es wird zu viel gelacht an diesem Abend. Auf der Bühne.

Wieder am 25./30. September, 6./14. Oktober sowie im November und Dezember.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben