Kultur : Komische Selbstfindung

CHRISTOPH FUNKE

Vielleicht steht im Brief aus dem Krankenhaus das Urteil: Aids.Arloc, Alleinerbe eines reichen Vaters, läßt den Brief ungeöffnet, nimmt ihn als Hinweis auf noch nicht gelebte Jugend.Und beginnt mit der übermütigen Erkundung eines anderen, lustvollen Daseins, fühlt sich "Fit in Fesseln".Nicky Silver, amerikanischer Erfolgsautor, gibt sich mit diesem 1996 in New York uraufgeführten Stück nicht an die lastende Bedeutsamkeit vieler Aids-Dramen hin.Er beschreibt Krisen einer Sinnsuche, nimmt ihr aber die modisch gewordene Schwermut.In Arlocs reich ausgestattetem Appartment beginnt ein Abenteuer rücksichtsloser, komischer Selbstfindung.Der reiche Erbe findet einen Freund, Boyd, den "schönsten Engel" aus der Weihnachtsshow der Radio-City-Hall.Arlocs Mutter, lebenslustig, Kettenraucherin, Alkoholikerin, flieht vor ihrem sturen Mann, einer Art Teufel, in das Liebesnest der jungen Männer.Worauf sich die erotischen Beziehungen rasant verwickeln.Arloc möchte den Engel lieben, hat Angst, eine vielleicht tödliche Infektion weiterzugeben.Nessa, die Mutter, liebt den Engel auch und ist dem Sohn nicht abgeneigt.Der Engel widersteht dem vulkanischen Temperament der Mutter nicht, will aber Arloc.Und Carl, der verlassene Gatte, besteht auf der Rückkehr seiner exzentrischen Nessa.Jeder sucht den anderen, um nicht mehr einsam zu sein.Konventionen fallen, Lebensangst und Verzweiflung verlieren ihre Schrecken, für den Augenblick.Fluchtpunkt ist eine Silvester-Party, ausgerichtet von den Spielzeugsoldaten der Weihnachtsshow.Dann kommt ein neues Jahr - auch eine Zukunft?

Engel und Teufel im Sog

Die Potsdamer Regisseurin Silvana Kraka verläßt sich auf die boulevardesken Reize des zweiteiligen Stücks.Dabei umgeht der Autor, in Berlin bekannt geworden durch sein Stück "Fette Männer im Rock" in der Baracke des Deutschen Theaters, das Bedrohliche einer hemmungslosen Glückssuche durchaus nicht.Seinen Helden Arloc bezeichnet er als einen "verstörten Menschen".Nessa, ein "Star ihrer eigenen Komödie", hat mit den Verheerungen mißglückter Ehen fertigzuwerden, Boyd ist ein armer Kerl, der sich der Albernheit seiner Engel-Spielerei durchaus bewußt ist.Engel und Teufel geraten in den erotischen Sog zwischen Zärtlichkeit und Gier, Kinder gehen zu den Müttern zurück, Mütter verfallen den Kindern, patriarchalische Strukturen stürzen zusammen, Armut und Reichtum reiben sich aneinander.

Wunderbarer roter Sessel

Silvana Kraka nimmt alles von der heiteren Seite, läßt temporeich parlieren, taucht das Spiel, gemeinsam mit ihrem Bühnenbildner Peter Schubert, in die Farben unterschiedlich reifer Orangen.In diesem rötlich-südlichen Flair ist Silvers Stück dem Handlungsort New York und der Handlungszeit Weihnachten / Silvester weit entrückt.Schuberts Handlungsraum ist ein langgestrecktes Zimmer mit tieferliegender Eingangstür und einem wunderbar verwandlungsfähigen, natürlich roten Sessel.

Thomas Matys gibt dem Arloc etwas verbissen Suchendes, er läßt den Abstand der Figur zu den anderen deutlich werden, durch eine Verletzlichkeit, die auch Ekstase nicht aufhebt.Rita Feldmeier kostet die Lebenslust der Nessa weidlich aus, mit allzu schnell sich überschlagender Stimme, treibt die attraktive Mittvierzigerin mitunter an den Rand der Hysterie.Falilou Seck, der Engel Boyd, nutzt die Möglichkeit zur großen, kindlichen Naivität, unterwandert vom Schreck und vom Verlangen.Ihre besten Szenen hat die Aufführung in einer erotischen Entfesselungsszene des ersten Teils, in den mehrschichtigen Deutungen des Bühnengeschehens durch die Bilder der Video-Kamera im zweiten Teil und beim hinreißenden finalen Zusammenprall aller Spieler an der Rampe.Dieses elektrisierende Quartett aus Streit, Lust, Empörung hat die Präzision einer großen Opernszene.Herzlicher Beifall für die deutsche Erstaufführung, mit der die Geschichte der Probebühne Zimmerstraße in Potsdam zu Ende geht.Im Herbst 2001 soll dort ein neues Theater stehen.

Heute und am 19.6., 19 Uhr 30.

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