Kultur : Komische Tragödie vom heiligen Trinker

HORST KOEGLER

Eine neue Rolle für José Carreras: als Ermanno Wolf-Ferraris selten gesungener "Sly" in ZürichVON HORST KOEGLERBeide sind sie Sänger aus der Hefe des Volkes - doch während es der eine eher mit Nußecken und Himbeereis hält, bevorzugt der andere primär Hochprozentiges.Der Unterschied: während uns Guildo in der Pause aus Dutzenden von Autoradios aus Birmingham auf dem Platz vor dem Opernhaus versichert, wie sehr er uns alle lieb hat, beklagt drinnen, im schönen Rokoko-Stuckbau von Fellner und Helmer, José sein bitteres Los als Gauner, Dichter, Trunkenbold, Hungerleider, Künstler und Genie, der von niemandem geliebt wird.José Carreras debütiert an diesem Abend im Opernhaus Zürich in einer neuen Rolle: als Sly in Ermanno Wolf-Ferraris gleichnamiger Oper, die im Untertitel auch "Die Legende vom wiedererweckten Säufer" heißt.1927 an der Mailänder Scala uraufgeführt, machte sie seinerzeit rasch die Runde über die Bühnen der Welt, gehört aber inzwischen eher zu den Raritäten des Repertoires.Als tragikomisches dramma lirico steht der Dreiakter isoliert im µuvre des wegen seiner Parlando-Komödien à la "Vier Grobiane" und "Susannes Geheimnis" geschätzten Deutsch-Italieners.Auf einem Libretto von Giovacchino Forzano nach dessen gleichnamigem Schauspiel basierend, blickt "Sly" auf eine ruhmreiche literarische Ahnenreihe zurück - als Saufbold und Poet, der im Vollrausch in den Palast des Herrschers gebracht wird, wo man ihm die Komödie vorspielt, er sei der wahre Herr im Haus, um ihn dann um so tiefer in sein Elend zurückzustoßen, taucht er zuerst in "Tausendundeiner Nacht" auf und zählt zu seinen weiteren Vorvätern Shakespeare, Calderon, Hofmannsthal und Gerhart Hauptmann.Im Gegensatz zu seinen Opere buffe hat sich Wolf-Ferrari für "Sly" seine musikalischen Anregungen - inspiriert wohl durch Shakespeares Vorspiel zu seiner "Widerspenstigen Zähmung" - vorwiegend aus altenglischen, schottischen und irischen Volksweisen geholt.Sie bestimmen den schwermütig-elegischen Grundton dieser Musik, gerade auch ihrer Erinnerungsmotive.Aufgemischt mit gelegentlichen Synkopierungen des Jazz-Zeitalters sowie mit Reverenzen an Verdi, Wagner und Dvorák, ergibt das eine ziemlich hybride Mixtur - bis sich dann im zweiten Akt mehr und mehr eine puccineske Kantabilität durchsetzt, die dann in großen hymnischen Aufschwüngen kulminiert.Nicht ganz frei von Sentimentalität und Pathos, läßt sie gerade deswegen das Publikum zum Schluß in einen wahren Begeisterungstaumel explodieren: Verismo light.Dies ist eine Oper, die sich bestens in den spezifischen Opernspielplan von Zürich mit seinen verspäteten Fin-de-siècle-Raritäten fügt.Sie bietet eine Bombenrolle für Carreras, der sie denn auch weiter zu vermarkten gedenkt - demnächst in Amerika.Als Charakter freilich weniger ein Kumpan des François Villon, der Forzano und Wolf-Ferrari wohl ursprünglich vorschwebte, gleicht er eher einem Geistesbruder E.T.A.Hoffmannschen Geblüts und Gemüts - in der sehr auf das englische Kaschemmen-Milieu der "Dreigroschenoper" bezogenen Zürcher Inszenierung von Hans Hollmann könnte man ihn als Outcast wohl auch für einen immer noch einen Rest von angeborener Noblesse bewahrenden Zeitgenossen von Oscar Wilde halten.Stimmlich erstaunlich erholt, klingt sein metallisch legierter Tenor heute wie ein überreifer Burgunder, der etwas an Blume und Duft eingebüßt hat, aber immer noch durch seine kraftvolle Substanz und Rasse überzeugt.Er ist der eindeutige Mittelpunkt des riesigen siebenundzwanzigköpfigen Solistenensembles, zu dem sich noch zahllose dubiose Individuen und junge Höflinge gesellen.Als Slys tragisch Geliebte (sie verfällt ihm, doch nach seinem Sturz in die Wirklichkeit vermag er an die Echtheit ihrer Liebe nicht mehr zu glauben und schneidet sich deshalb die Pulsadern auf) gewinnt Daniela Dessi im Laufe des Abends zunehmend an Format.Weitere größere, durchaus kompetent exekutierte Rollen haben Juan Pons als der das schmähliche Spiel um den armen Säuferpoeten lediglich zu seiner Belustigung inszenierende Graf von Westmoreland und Carlos Chausson als Slys Schauspielerkumpan John Plake.Eine schwere Hypothek der Zürcher Aufführung ist der Dirigent Rafael Frühbeck de Burgos, der dem Publikum die Partitur um die Ohren knallt, daß dem stellenweise wenn schon nicht das Sehen, so doch das Hören vergeht: ein geradezu teutonisches Mißverständnis.In Hans Hoffers katakombenartigen Lichtschacht-Verliesen (die farbgrellen, teilweise ausgesprochen überkandidelten Kostüme hat Dirk von Bodisco entworfen) hat Hollmann die Tragikomödie anfangs wie einen Panoptikums-Thriller aus der Stummfilmära inszeniert - mit der choreographisch ambitionierten pantomimischen Gestik eines kein Klischee auslassenden Regisseurs.Später dann nimmt er das gestelzte Gehabe zurück und steuert das Melodrama zielgerade in sein Tragödien-Finale.Bleibt zu überlegen, ob Wolf-Ferraris so monolithisch in der Opernlandschaft von 1927 (neben den Gipfeln von "Cardillac", "Oedipus Rex", "Wozzeck" und "Mahagonny") ragendes dramma lirico nicht am angemessensten als surrealistische Comédie noire zu inszenieren wäre.

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