Kultur : Komm doch nach Macondo

Ein

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von Rüdiger Schaper

Das weiß man auch im kolumbianischen Hinterland: Alle Literatur ist Reiseliteratur, und fast alle großen Literaten sind Heimatschriftsteller. Geboren in Aracataca zum Beispiel, im Jahr 1928, unter dem Namen Gabriel José García Márquez. Nobelpreis 1982: „García Márquez hat um die imaginäre Stadt Macondo ein eigenes Universum geschaffen“, hieß es in der Begründung der Stockholmer Akademie damals. Macondo – ein Wort wie Dschungelmusik, eine Frucht, eine blutige, heiße Liebe. In Macondo lebt und stirbt im ewigen Kreislauf der kolumbianischen Geschichte, die hier wirklich eine postkolumbianische ist, der Clan der Buendía. In Macondo, das heißt in den Köpfen von Millionen Lesern, toben „Hundert Jahre Einsamkeit“. Macondo, eine Droge. Flashbacks garantiert.

Eine Figur aus jener Welt, die wir die reale nennen, ist Pedro Sanchez, Bürgermeister von Aracataca. Seine Stadt ist pleite. Das Trinkwasser ungenießbar, die Landwirtschaft vom ewigen Krieg zwischen Paramilitärs und Befreiungsbewegung zerstört. Jetzt will Señor Sanchez Aracataca tilgen, jedenfalls teilweise, oder besser gesagt: als Aracataca-Macondo wieder auferstehen lassen. Mit Márquez und Macondo soll der Tourismus kommen. Eine bessere Zeit. Die bricht bei García Márquez auch immerzu an. Und dann kommen fremde Truppen, grauenhafte Krankheiten, Streit und unbarmherzige Fluten. Macondo, natürlich, ist ein wunderbares Versprechen. Dem die Bewohner von Aracataca aufsitzen. Nach französischem Vorbild übrigens. Das Städtchen Illiers, unweit von Chartres, Heimat der Familie Marcel Prousts, nennt sich seit den siebziger Jahren Illiers-Combray. Der Lokalstolz hat Prousts Kindheitserinnerungen auf Frankreichs Landkarte gebracht, wobei wir hier die Frage nicht erörtern wollen, welche Topografie die genauere ist. Die des Michelin oder die Swanns. Die Chatwins oder die von Lonely Planet. (Nebenbei: Wer braucht Genauigkeit? Ich bin einmal in Prag, mit Kafka im Gepäck, auf der anderen Seite der Moldau gelandet, obwohl ich mich auf der Kleinseite wähnte und todsicher keine Brücke überquert hatte.)

Senor Sanchez hat schon bei einem Tischler eine große Tafel in Auftrag gegeben: „Willkommen in Aracataca-Macondo, dem Land des Magischen Realismus“. Bienvenidos! Wer liest, verläuft sich gern, lässt sich auch gern entführen ... was sich in Kolumbien arrangieren lässt, auch ohne García Márquez.

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