Kultur : Komm in den Garten

In der Londoner Auktionswoche triumphieren Schmidt-Rottluff und Bacon

Matthias Thibaut

Es macht den Auktionatoren zusehends Spaß, zeitgenössische Kunst zu versteigern. Freudig wird geboten, vor allem über die in langen Reihen aufgestellte Telefone. Und die Sammler zögern nicht lang. Der europäische Umsatzrekord, den Sotheby’s am Mittwochabend mit 19,3 Millionen Pfund (35,3 Millionen Euro) hinlegte, stellte Christie’s am Abend darauf mit 24,5 Millionen Pfund schon wieder ein.

Zu den Glanzlichtern zählte Francis Bacons „Portrait of George Dyer staring into a mirror“, das von fünf Telefonbietern umworben wurde. Für fast 5 Millionen Pfund (7,4 Millionen Euro) ging es schließlich an eine europäische Sammlung. Etwas kühn vermeldete Christie’s sogleich einen neuen „Rekordpreis“. Dabei übertraf dieser nur in Dollar, nicht in Pfund, den bisherigen Toppreis für das 2001 für 8,5 Millionen Dollar versteigerte Triptychon „Studies of the Human Body“. Unzweifelhaft ist aber der Reiz des großformatigen „Doppelporträts“, das Bacons legendären Freund und Liebhaber zeigt.

Einen echten Rekord gab es für das Heldenbild „Partisan“ von Baselitz aus dem Jahr 1985, das einmal Charles Saatchi gehörte und nun 904000 Pfund erzielte. Michelangelo Pistolettos Akt „Maria Nuda“ verdoppelte den bisherigen Höchstpreis auf 366400 Pfund, Alighiero Boettis Textilarbeiten werden erneut teurer – eine Serie von 20 Stickarbeiten „Tavole Pitagoriche“ kam auf 377600 Pfund. Es gab neue Höchstpreise für eine Chillida-Skulptur, ein gestricktes „Fleckenbild“ von Rosemarie Trockel (102000 Pfund/153000 Euro) und Thomas Hirschhorns „Die fünf Kontinente (Ozeanien)“ mit umgerechnet 75800 Euro. Stars wie Dumas, Doig und Basquiat wurden zu stabilen Preisen verkauft.

Vorsicht spürt man eher bei lang etablierten Preiskoryphäen. Um Warhols 2,5 mal 2 Meter großes Beuys-Porträt lieferten sich die New Yorker Galeristen Gagosian und Aquavella eine kurze Schlacht, dann blieb der Preis bei 1,68 Millionen Pfund moderat. Lucian Freud, in den beiden Auktionen mit sechs Werken vertreten, hatte es schwer. Die ungelenke „Bella“ blieb mit 1,8 Millionen Pfund unter der Taxe, das Gemälde „Girl holding a Towel“ sogar unverkauft. Überzeugen konnte nur das am Vortag bei Sotheby’s angebotene „Selbstporträt mit Feder“ – ein seltenes Frühwerk, enigmatisch, mit symbolistischem Anflug, für das 3,7 Millionen Pfund aufgebracht werden mussten. „Auf die Künstlernamen kommt es gar nicht so sehr an“, erklärte Christie’s Experte Brett Gorvy nach der Auktion. „Teuer werden Bilder nur, wenn sich jemand in sie verliebt.“

Spannend blieb es bei den Im- und Expressionisten – denn dies ist das Territorium der Individualisten und Connaisseure. Jeder Verkauf ist ein Einzelgefecht. Jussi Pylkännen, Auktionator bei Christie’s, vergoss viele Schweißtropfen für Karl Schmidt-Rottluffs Gemälde „In der Dämmerung“. Mit 1,2/1,6 Millionen Pfund war die Rarität aus dem Sommer 1912 auf Spitzenniveau taxiert – wegen der Größe von 98,5 mal 106 Zentimetern und der kunsthistorischen Relevanz. Das Bild steht für die archaische Wucht der „Brücke“. Aber man kritisierte auch die verschobene Komposition und Händler flüsterten, es sei aufgehellt worden. Dann brachte es 2,47 Millionen Pfund durch einen Telefonbieter – ein Rekord. Prägnanz hatte sich gegen Wohnzimmercharme durchgesetzt.

Doch deutsche Expressionisten sind rar. Der Rede wert war noch die schöne, menschenleere „Parklandschaft“ von Erich Heckel bei Sotheby’s für 433600 Pfund – aber farbstarke Bilder sind nun einmal die beliebtesten. Logisch, dass der Fauvismus eine tragende Rolle spielte. Kees van Dongens bereits 1997 zum Rekordpreis verkaufte „Femme au Grand Chapeau“ wurde nun das teuerste Los der Woche – bei Sotheby’s mit knapp über 5 Millionen Pfund.  Fast so unwiderstehlich und teuer war Maurice de Vlamincks „Le Jardinier“ mit 4,8 Millionen Pfund. Feiningers „Draisinenfahrer“ kostete 1,9 Millionen Pfund, und ein herrlicher Wannseerosengarten von Max Liebermann aus einer amerikanischen Sammlung war mit 736000 Pfund keinesfalls zu teuer. Bei Christe’s ließ sich ein asiatischer Telefonbieter Vlamincks „Pèniche sur la Seine“ 3,14 Millionen Pfund kosten. Toplos wurde hier Modiglianis hauchdünn gemaltes Brustbild der Jeanne Hébuterne, das zwei Telefonbieter auf 3,2 Millionen Pfund (4,8 Millionen Euro) steigerten. 31 Millionen Pfund erzielte die Christie’s-Auktion. 45 Millionen Pfund waren es bei Sotheby’s, wo man diesmal mehr Spitzenlose hatte.

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