Kultur : Komm näher

WETTBEWERB „En Soap“ von Pernille Fischer Christensen

Daniela Sannwald

„Heruntergekommene Gegend“, sagt Kristian zu Charlotte, die er zum ersten Mal in ihrer neuen Wohnung besucht. Noch sitzt sie zwischen Umzugskisten, und hat ihn bestellt, damit er ihr hilft, das Bett an den richtigen Platz zu schieben. Kristian dagegen ist gekommen, um Charlotte zu bitten, wieder bei ihm einzuziehen. „Nein“, sagt Charlotte, und: „Rauch nicht!“ Kristian lässt das Bett stehen, zündet sich eine Zigarette an und schlägt die Tür hinter sich zu. Charlottes neues Leben in Freiheit kann beginnen.

Hell und leer ist Charlottes Wohnung in einer Neubausiedlung, dunkel und voll die ihrer Nachbarin Veronica, die eigentlich Ulrik heißt und darauf wartet, dass die Behörden ihr eine Geschlechtsumwandlung genehmigen. Ihre Geschichten werden zunächst parallel erzählt und dann sukzessive verknüpft. Frontalansichten ihres anonymen Wohnblocks mit den blühenden Kirschbäumen davor teilen den Film in Kapitel.

Charlotte, statuarisch, blond und auf eine sexy Art spröde, schläft mit Männern, die sie danach ohne Kaffee nach Hause schickt: „Kann das nicht deine Frau machen?“ Veronica, mit tragischem Zug um den sanften Mund, dunkler Perücke und Girlie-Kleidchen, schlägt Männer, die sie dafür bezahlen: „Na los, Kleiner, mach schon, sonst schimpft Mutter.“ Beide sind unglücklich und einsam, und als sie feststellen, dass sie einander mögen, fällt es ihnen schwer, dafür einen physischen Ausdruck zu finden. Die sexuell offensive und tolerante Charlotte ist hilflos, als Veronica sich ihr als Mann verweigert. Die wiederum fühlt sich von Charlotte verraten.

Der Film bleibt dicht dran an seinen Protagonistinnen: In Naheinstellungen und Großaufnahmen protokolliert die Kamera ihre Gestik und Mimik, zeichnet Linien und Falten nach, die Erfahungen und Enttäuschungen in ihren Gesichtern hinterlassen haben, erfasst die eckigen, unharmonischen Bewegungen Veronicas und die abrupten, ungeduldigen von Charlotte. Buchstäblich auf den Leib rückt die Kamera den beiden: Es geht um Körper, und wie man sich in ihnen fühlt. Deshalb interessiert kein Draußen. Und so hat die Spielfilmdebütantin Pernille Fischer Christensen die Form des Kammerspiels gewählt: Nicht einmal in den beiden Wohnungen kann man sich räumlich orientieren, man ahnt lediglich das Provisorische der einen und das Höhlenhafte der anderen Behausung. Ironisch gebrochen wird das Geschehen durch Schwarz-Weiß-Sequenzen, die das eben Gezeigte in Soap-Manier zusammenfassen und auf die nächsten Ereignisse vorbereiten.

„En Soap“ ist ein berührender, bedrückender Film, der vor allem durch den Charme seiner Hauptdarstellerin Trine Dyrholm besticht. Ihr immer wieder plötzlich hervorbrechendes Lachen verweist darauf, dass sie am Ende von ihrer vermeintlichen zu einer tatsächlichen Freiheit aufbrechen wird.

Heute 9.30 Uhr und 21 Uhr (Urania), 19.2., 21 Uhr (Urania)

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