Kultur : Komm nur, Alter, komm!

Michael Scharang erzählt vom Wankelmut der Gefühle in späteren Jahren

Jochen Jung

Da sitzt einer im Flughafengebäude von Kairo auf der Bank und wartet auf seinen Freund, der mit der Maschine aus New York kommen soll. Beide sind eben über sechzig, kennen sich aber seit über vier Jahrzehnten und sind die engsten Freunde gewesen, „auf unerklärliche Weise“, wie gesagt wird. „Und dann, im Alter, dieser Hass“.

Wer auch nur eine leise Ahnung hat von der immerwährenden Gefährdung noch so stabil aussehender Verbindungen, wird auf der Stelle hellhörig in Erwartung einer Geschichte, die ihm vielleicht den Wankelmut erklärt und wie er sich vermeiden ließe. Aber nichts davon. Was einem vielmehr erzählt wird, ehe man erfährt, was diese beiden Herren so gegeneinander aufbringt, ist ihre Vorgeschichte: Der eine, Heinrich Freudensprung, ist Steirer, stammt aus Kapfenberg, ist 1941 geboren und Schriftsteller und lebt mal in New York, mal in Wien.

Den kenn ich doch, denkt der wache Leser, es sind zugleich die Daten von Michael Scharang. Der andere heißt Zacharias Sarani, ist Ägypter aus besserer Familie, und kam zum Studium des Maschinenbaus nach Österreich. Dort macht er aber vorher noch ein Praktikum in einem Stahlwerk in Kapfenberg, wo auch Heinrich arbeitet, um Geld zu verdienen, und mag vielleicht im Ansatz auch ein alter Bekannter des Autors sein.

Man lernt sich kennen, als der eine dem anderen in einer Unfallsituation zur Seite springt, und vor allem, als man sich über ein paar Grundsätzlichkeiten verständigt hat: dass es einen Gott nicht gibt. Dass die Welt verändert gehört und ihre Güter gerechter verteilt sein sollten. Dass Heinrichs Mutter eine sehr patente Köchin ist, und auch, unausgesprochen, dass man nicht mehr voneinander lassen will. Gefühle indes bleiben in diesem Männerbuch, das Vokabeln wie Hass, Freundschaft und Überwältigung sehr wohl kennt, Behauptung.

Die Geschichte, die rückblendend erzählt wird, geht so: Sarani hat eine Farm gegründet in der Wüste, wissend, wie man da an Wasser kommt, eine Musterfarm. Dieses Muster will Sarani in einer Akademie erlernbar machen, doch scheitert das Projekt, weil – aber das lassen wir jetzt, weil man die Handlung zwar brav nacherzählen könnte, aber die ganze Zeit das Gefühl hat, dass es egal ist. Die einzelnen Episoden waren ja schon beim Lesen etwas, was man nur mit Mühe zusammengereiht hat. Es ist auf jeden Fall zu einem Zerwürfnis gekommen, und das kulminiert in einem geplatzten Fest, man zürnt einander heftig, kommt dann aber einander wieder nah und versucht, beruhigt, um nicht zu sagen: entzückt von der spürbaren Möglichkeit, den Streit umgehen zu können, sich wieder zu vertragen, was dann aber – lassen wir auch das.

Außerdem spielt noch eine schwere Liebesstörung eine Rolle und ein unfrohes Verhältnis zum Kapitalismus: „Maschinen, sagte Zacharias, in der Hand einer Klasse, die sich nur dadurch auszeichne, im Besitz von Maschinen zu sein, mit denen der Rest der Bevölkerung arbeiten müsse, um Lohn zu bekommen, solche Maschinen dienten … vor allem der Kapitalvermehrung.“

Seit Beginn seiner Karriere („Charly Traktor“) gilt Michael Scharang als Linker, was allein schon wegen Mangels an verbliebenen Gesinnungsgenossen ehrenwert scheint. Aber was er hier an Erkenntnissen weitergibt, hat derart wenig Denkanstößiges, dass man meinen könnte, hier sei ein Konterrevolutionär am Werk. Es sind nämlich nicht nur sehr schlichte Ideen, sondern sie werden auch reichlich uninspiriert vorgetragen.

Was aber interessiert den alten Recken? Die eigene Biografie? Die geht im Laufe des Erzählens rasch verloren. Die Chancen des Sozialismus im Kapitalismus? Siehe oben. Die Besonderheit der Männer? Die sind störrisch und werden es im Alter immer mehr. Die Besonderheit der Frauen? Die sind in diesem Buch, von Heinrichs kochbereiter Mama abgesehen, nur dazu da, um Liebe auf den ersten Blick möglich zu machen. Die Zukunft Ägyptens? Das ist politisch korrumpiert und wird es wohl auch bleiben. Das Alter schließlich? Die Komödie des Alterns?

Leider nicht einmal die. Die beiden Greise, wenn man denn schon mit eben sechzig einer ist, hätten als Spielfiguren eines alternden Autors die Chance zu wirklich komödiantischen Erkundungen möglich gemacht. Aber weder den Hass noch die Verbundenheit der beiden erzählt Scharang mit Anteilnahme. Stattdessen viel Knochen, wenig Fleisch und Blut. Und das Politische bleibt wohlmeinendes Zitat. Dabei dachten wir, dass gerade in Zeiten wie den unsrigen der eine oder andere begründete – was in der Literatur ja immer heißt: erzählte – Hinweis auf Veränderungsmöglichkeiten durchaus willkommen wäre. Stattdessen aber wird das Wort Revolution herbeizitiert, als wär’s eine verstopfte Posaune.

Nein, Scharang hat nicht viel zu erzählen und das wenige auch noch behäbig. Das meiste sind Dialoge in indirekter Rede, also in ständigem Konjunktiv, den Scharang hier so lustvoll einsetzt wie in einer Übungsstunde für fortgeschrittene Rhetoren. Das Buch ist seltsam steif erzählt – und ohne jedes Flair. Es kommt im Lehrbuchhabitus daher, mehr wie „Wilhelm Meisters Wanderjahre“ als wie die „Wahlverwandtschaften“, an die sich ein Kollege schon erinnert fühlte. Wenn dann am Schluss noch Elemente des Politthrillers bemüht werden, nur um vom Versöhnungsessen der beiden Alten mit einer Leiche abzulenken, statt es uns plausibel zu machen, muss man mit Wehmut denken: Das ist Michael Scharang heute? Wenn sich denn etwas zur Verteidigung dieses Buches sagen ließe, dann ist es die dem Ganzen zugrunde liegende Menschenfreundlichkeit des Autors. Die aber ist kein literarisches Kriterium.

Michael Scharang: Komödie des Alterns. Roman. Suhrkamp

Verlag, Berlin 2010. 253 Seiten, 19,80 €.

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