Kultur : Komm rauf, Küken

Für eine magische Nacht: „Wenn die Flut kommt“

Karl Hafner

Wenn das Meer steigt, wäscht es alle in den Sand geschriebenen Liebesschwüre wieder weg. So heißt es in dem Schlager, der Yolande Moreaus und Gilles Portes Film „Wenn die Flut kommt“ den Titel gibt. Es geht um eine Liebe, die wie eine Welle anschwillt, den Scheitelpunkt erreicht und wieder verschwindet. Tränen trocknen schnell. Erinnerung bleibt.

Die 45-jährige Irène (Yolande Moreau) tourt mit einem clownesken Soloprogramm durch die nordfranzösische Provinz. Sie spielt eine Frau mit Maske und blutverschmiertem Kleid, die ihren Mann ermordet hat. Jeden Abend sucht sie sich einen aus dem Publikum, der ihr neuer Liebhaber sein soll, ihr „Küken“. Wahrscheinlich sind die meisten froh, wieder von der Bühne zu dürfen, doch einen gibt es, den Lebenskünstler und Puppenträger Dries (Wim Willaert), der immer wieder das Küken spielen will. Am liebsten auch im richtigen Leben.

Moreau und Porte verwenden Teile eines Programms, mit dem Moreau als Solokünstlerin tourte. Und natürlich spiegelt sich die Kunst im Leben und umgekehrt. Dass die konstruierte Ausgangslage beiläufig bleibt, liegt in erster Linie am subtilen Spiel der Hauptdarsteller. Es ist rührend, wie Dries immer wieder nach der Grenze sucht, an der Schluss sein sollte und dann weitermacht, weil ihm die mütterliche Irène ein Heimatgefühl vermittelt – mit einem Lächeln, einem Blick, ohne große Worte. Kleine Zärtlichkeiten, hinter denen alle Kunst verschwindet.

Irène und Dries absolvieren Schnupperkurse im Leben des anderen. Er darf an ihrem Schauspieler-Alltag teilnehmen, sie lernt seine Suche nach Jobs und Geld kennen. Eine seltsame Liebe entwickelt sich da zwischen den beiden, echt zwar und ernst, aber ohne Zukunft. Denn Irène hat Familie. Sie ist nicht heimatlos, sie ist nur on the road. Sie ist nicht einsam, sie ist nur allein. Und dann kommt da einer, ein Naiver, der keine Grenzen kennt zwischen dem, was einer ist, und dem, was er tut. Nachdem sich das Verhältnis ein paar Tage hochgeschaukelt hat, gibt es eine magische Nacht, in der alles stimmt, auf nächtlichen Autofahrten, in abgesperrten Industrieanlagen und schließlich am Strand. Die Liebe hat ihren höchsten Punkt erreicht. Jetzt zieht sie sich wieder zurück.

Balazs, Cinema Paris, Eiszeit (alles OmU)

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