Kultur : Komm raus, du bist umzingelt!

Krieg und Frieden (4): Acht Thesen zu Witz und Satire in den Zeiten des Weltuntergangs

Thomas Lackmann

Von Thomas Lackmann

Ohne Krieg kein Witz. In jedem Witz steckt eine Katastrophe (George Tabori). Krieg ist die perfekte Perversion der Zivilisation, oder ihre perfekte Zuspitzung. „Witz komm raus, du bist umzingelt“: Witz ist Krieg, die gezielte Destruktion vertrauter Zusammenhänge. Im Witz wird die Ordnung lustvoll demontiert, die Welt steht Kopf. Ohne Kollaps keine Pointe. Kommt ein Mann zum Arzt mit einem Messer im Bauch. „Die Sprechstunde ist vorbei“, sagt der Arzt, doch der Patient insistiert. Zieht der Arzt das Messer raus und sticht es ihm ins Auge: „Der Augenarzt hat bis halb sechs geöffnet.“ Das ist ein Friedenswitz – und doch ein Witz über Krieg im Frieden, über das alltägliche Messerstechen, den Crash der hippokratischen Ethik nach bürokratischer Vorschrift, den Verteilungskampf im Gesundheitswesen. Im Witz sind alle Kriege gleich.

Witze erzählt man vom Feldherrnhügel aus. Keine Komik ohne Distanz. Im OP witzelt ja nicht der Patient, höchstens der Chirurg. Im brennenden Haus macht man keine Witze. Aber aus dem All sehen Kriege amüsant aus. Manchmal ist die Distanz der Witzerfinder sehr groß: Gipfeltreffen in Saddams Palast. Saddam hat drei Knöpfe an seinem Sessel, er drückt auf den ersten: Eine Gummifaust donnert in Bushs Gesicht. Auf den zweiten: Ein Gummischuh tritt ihm ins Gesäß. Auf den dritten: Ein Knüppel haut ihn unter den Gürtel. Gekränkt fliegt der Präsident zurück. Beim Gegengipfel im Weißen Haus hat auch Bush drei Knöpfe am Sessel. Er drückt den ersten, lächelt. Nichts passiert. Saddam ist verwirrt. Bush drückt den zweiten, grinst: nichts. Drückt den dritten, lacht. Saddam steht böse auf: „Ich fliege sofort zurück nach Bagdad.“ Darauf Bush: „Bagdad? Welches Bagdad?“

Manchmal allerdings ist die Distanz der Witzerzähler klein und groß zugleich: Was ist Berlin, als Kunstwerk betrachtet?, fragten sie 1944. Eine Radierung Churchills, nach Ideen von Hitler (der Englands Städte „ausradieren“ wollte). Ein bisschen Abstand braucht selbst der Galgenhumor: Wer witzelt, hat für diesmal noch seinen Kopf gerettet.

Chauvinisten sind die größten Witzbetreiber. Zuspitzen und zustoßen ist Männersache! „Was nützt uns unsre Kraft/Blut ist kein Himbeersaft“, sangen (in „Das ist die Liebe der Matrosen“) die Comedian Harmonists. „Die Sache wird schon schiefgehn/Jawoll, Herr Kapitän.“ Männer sind Witzbolde und Kriegstreiber, sie blödeln: „Es gibt Krieg, der Säbel juckt.“ Ihr sexistischer Witz (zum Beispiel: Sex oder Krieg?, hat Madeleine Albright ihre Generale vor dem Balkankrieg gefragt) passt kongenial zum Kriegswitz. Sexistische Kriegswitze sind zwar nicht die intelligentesten, doch es kann ja auch nicht jeder Krieg gerecht sein, oder? Männer machen Kriege und Witze, Frauen wiederum bevorzugen Partner mit Humor, darum sind sie im Prinzip genauso schuld.

Auch im Kriegswitz geht es immer um was anderes. Wie im Krieg, dessen wahre Ziele ungern verraten werden. Den Krieg selbst, die konkrete Vernichtung, kann der Witz gar nicht darstellen, er abstrahiert. Und benutzt die Höllenchiffre Krieg, um sie, zum Beispiel, mit der Eitelkeit der Künstler zu vergleichen. Der schönste dieser Um-die-EckeWitze stammt aus Lubitschs „Sein oder Nichtsein“. Warschau 1941. Der Schauspieler Joseph Tura schlüpft für eine Widerstandsscharade in die Rolle eines Nazi-Spions und fragt, ganz nebenbei, den berüchtigten „Konzentrationslager-Erhardt“, ob ihm der große Schauspieler Tura bekannt sei. Ausgerechnet von dem dumpfen SS-Mann erhält er eine positive Antwort auf seine oft gestellte Frage: O ja, diesen Tura habe er vor dem Krieg auf der Bühne gesehen. „Was der mit Shakespeare machte, das machen wir heute mit Polen.“ Der Schlächter verteidigt die Kunst gegen ihre Folterer, Weltgeschichte schrumpft zur Pointe. Der absolute Schrecken spiegelt sich in der privaten Farce. Nicht um Krieg oder Frieden geht es dem Witz, sondern um den Witz.

Wer Propaganda macht, kennt keinen Spaß. Komik entsteht bekanntlich aus der Fallhöhe des Erhabenen. „Krieg ist immer Scheitern“, sagte Frankreichs Präsident vorgestern in Versailles. Der Witz kennt kein Mitleid, er inszeniert den History-Slapstick der Scheiternden und das Zerdeppern großer militaristischer oder auch pazifistischer Parolen. Offizierspathos vor der Schlacht: „Soldaten, jetzt geht es Mann gegen Mann!“ Infantrist Rubin: „Zeigen Sie mir, bitte, meinen Mann! Vielleicht kann ich mich gütlich mit ihm verständigen.“ Das engagierte Merchandising der Pazifisten von 1982 verhöhnt wiederum mit seinem Sketch „Frieden GmbH“ der Satiriker Rainer Hachfeld: „Das ist der Trend. Friede auf Erden. Bei uns kriegst du den Krefelder Appell noch kostenlos dazugepackt.“

Während der Witz im totalen Staat das geschlossene Weltanschauungssystem torpediert, ist er für die pluralistische Mediendemokratie so etwas wie die fünfte Gewalt der letzten Subversion. „Gegen 19 Uhr warten wir immer auf den Krieg./Meistens kommt er an zweiter Stelle von ,Heute’./Und an dritter Stelle von der ,Tagesschau’./Der Krieg Iran-Irak geht für meinen Geschmack/schon etwas zu lange. Eine Serie hat 13 Folgen. Und dann sollte man wechseln./Sonst glaubt man, der Mann am MG sei immer der Gleiche./Oder mal eine schöne Wiederholung bringen." (so der Kabarettist Helmut Ruge in seinem Monolog „Kriegsvoyeure“).

Politiker sind fast so komisch wie Soldaten. „Kinder spielen Soldaten, das ist verständlich. Aber warum spielen Soldaten Kinder?“ lautet ein Aphorismus von Karl Kraus (Aphorismen sind habilitierte Witze). Wie Kriege politisch zu stoppen wären, wissen der Witz und sein Witzgewinnler, der Satiriker, natürlich nicht. Sondern nur, dass die amtlichen Kriegsverhinderer angesichts ihres dramatischen Versagens wie Sandkastenkrieger erscheinen. „In diesem Hotel zur Erde/war die Creme der Gesellschaft zu Gast“, dichtete Walter Mehring vor 70 Jahren. „Sie trug mit leichter Gebärde die schwere Lebenslast – Bis sie eine Kriegserklärung als Scheck in Zahlung gab – Da kamen die Diplomaten, um über den Fall zu beraten – die sprachen: Wir brauchen einen Krieg. Und Größere Zeiten eben! Es gibt nur eine Politik: Hoppla, wir leben – wir leben und rechnen ab!/Säbelrasseln –Volksekstase – Welche Tänze tanzt man morgen? Hoppla! Blaukreuzgase – Menschheitsphrase – Unsre Sorgen! Hoppla! Es blutet uns das Herze vor lauter Druckerschwärze...“ Dabei sind Satiriker fast so ohnmächtig wie Politiker.

Der Frieden dauert so lang wie ein Gelächter. Friedenswitze sind Überlebenswitze. „Nanu?“ fragt Anno ’45 auf dem Kudamm, zur Zeit der Männerknappheit, eine Freundin die andere. „Du in andern Umständen?“ – „Beziehungen!“ Der Witz im totalen Staat schaffe befreiende Lust und Entspannung und die intime Gemeinschaft zwischen Erzähler und Hörer, schreibt der Pädagoge Hans-Jochen Gamm in seinem Buch „Der Flüsterwitz im Dritten Reich“. Unterm Gleichschaltungsdruck komme dieser Erfahrung individualisierende Bedeutung zu; der Mensch, „bei dem der Witz zündet, wird tatsächlich anders“. In unserer offenen Gesellschaft müssen Kriegswitze einen solchen emanzipatorischen Anspruch derzeit nicht erfüllen. Doch auch hier provoziert die „katastrophische“ Zuspitzung einer widersinnigen Überraschung den utopischen Friedensmoment: das gemeinsame Lachen.

Napoleon ruft nach der Schlacht von Austerlitz einen polnischen, einen deutschen, einen jüdischen Soldaten: Sie sollen sich eine Belohnung aussuchen. Der eine wünscht sich ein freies Polen, der andere den Aufbau seiner zerstörten Brauerei, der Jude: marinierte Heringe. Die anderen lachen ihn aus. „Ihr versteht das nicht“, sagt der Jude. „Das freie Polen und die Brauerei bekommt ihr ohnehin nicht. Meinen Hering aber – vielleicht werde ich ihn bekommen.“

Im Witz wie im Krieg ist eigentlich alles erlaubt. „Piloten ist nichts verboten“ (Hans Albers) und „Witzischkeit kennt keine Grenzen“ (Hape Kerkeling). Denn der Witz kennt ja keine Moral; wenn er uns desillusioniert, ist das nur sein aufklärerischer Kollateralschaden. Ein guter Kriegswitz übrigens ist so selten wie ein guter Witz über Auschwitz. Die bekanntesten 11.SeptemberWitze, über American Airlines („Wir fliegen Sie direkt in Ihr Büro“) und über Opferzahlen („Fünftausend und ein paar Zerquetschte“) waren Scherze vom sicheren Feldherrnhügel, die im betroffenen Manhattan wohl anders klingen als im deutschen Pantoffelkino. Witze über den kommenden Krieg kursieren bislang hier zu Lande kaum, da die Witzkanoniere noch nicht wissen, was genau sie überhaupt betreffen wird.

In Basra freilich scherzt man seit ein paar Jahren schon, dass beim nächsten Krieg Englands gegen Frankreich zuallererst Basra bombardiert wird. Warum? Basra wird immer bombardiert. Diese Pointe verstehen nur die Bombardierten von Basra (wo immer das liegt): Witzischkeit hat zwar keine Geschmacksgrenze, ist aber – Mach mir den Clausewitz! – nicht global unbegrenzt exportierbar. „Es war einmal eine Pointe, sie war so schön und gut, aus allerbester Familie, von allerbestem Blut“, hat der Pianist Curt Bry für die Berliner „Katakombe“ gereimt. „Sie war ganz unpolitisch, hat niemandem weh getan. Und jeder der sie hörte, fing laut zu lachen an./Doch eines schönen Tages, geschah die Schweinerei: Man zog die arme Pointe an ihren Haaren herbei./Ein wilder Pointenmörder, der hat sie umgebracht. Da lag sie nun unterm Tische. Kein Mensch hat mehr gelacht.“ Ein verlorener Witz ist wie ein gescheiterter Krieg. Hoppla!

Krieg und Frieden: Theater (8.1.), Literatur (11.1.), Film (18.1.). Demnächst: Philosophie.

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