Kultur : Komm, wir gehn Kehlköpfe gucken

Immer öfter werden Opernaufführungen im Kino gezeigt, auch in der Musiktheatermetropole Berlin.

Magdalena Ulrich
Mehr Nahaufnahmen, bitte! Jonas Kaufmann in der Londoner „Tosca“. Foto: UCI/C. Ashmore
Mehr Nahaufnahmen, bitte! Jonas Kaufmann in der Londoner „Tosca“. Foto: UCI/C. Ashmore

Der Samtvorhang im Royal Opera House Covent Garden öffnet sich zum Schlussapplaus. Jonas Kaufmann verbeugt sich tief, im Kinosaal 10 im Colosseum in Prenzlauer Berg springt ein Besucher von seinem Sitz auf, applaudiert und ruft „Bravo!“. Das Colosseum zeigt, wie alle UCI-Kinos in Berlin, an diesem winterlichen Montag Puccinis „Tosca“ als Aufzeichnung aus London. Etwa einmal pro Monat ist in einem der Berliner Multiplexkinos der Ketten Cinemaxx, Cineplex, Cinestar und UCI eine Oper in HD und Dolby-Surround-Sound zu sehen. Live oder als Aufzeichnung bringen die Kinos Inszenierungen aus der Metropolitan Opera in New York, dem Teatro alla Scala in Mailand oder dem Royal Opera House auf die Leinwand. Die Karten kosten zwischen 18 und 27 Euro.

Der Termin für die „Tosca“-Vorführung ist günstig gewählt, denn in der Regel bleiben die Berliner Opernhäuser montags geschlossen. Wer trotzdem Musiktheater sehen will, kommt ins Kino. „Kaufmann ist einfach großartig“, sagt ein Besucher und applaudiert begeistert. Der Mittvierziger war selbst einmal Opernsänger: „Ich kann nur nicht ständig um die Welt fliegen, um Kaufmann zu hören.“ Bei den Inszenierungen, die im Kino gezeigt werden, stehen meist Publikumslieblinge auf der Bühne. Auch bei Jonathan Kents „Tosca“: Angela Gheorghiu singt die Titelrolle, Kaufmann tritt als Cavaradossi auf, Bryn Terfel als Scarpia. Am Pult steht Antonio Pappano.

Im Kino sitzen leidenschaftliche Operngänger. Eine Besucherin in rotem Blazer mit Goldapplikationen und ihr Mann waren erst am Vortag in München, um sich „Les Contes d’Hoffmann“ an der Bayerischen Staatsoper anzusehen. Auch in Berlin gehen sie häufig in die Oper. Die Aufführungen im Kino nutzen sie, um sich Inszenierungen aus anderen Metropolen anschauen zu können.

Deutschlandweit werden in den 23 UCI-Kinos regelmäßig Opern übertragen, die Kinobetreiber zeigen sich mit den Besucherzahlen zufrieden. Voll allerdings ist das Colosseum an diesem Abend nicht: „Als hier zum ersten Mal Oper gezeigt wurde“, erinnert sich die Dame in Rot, „waren außer uns sieben weitere Leute da.“ Diesmal sind rund 50 Zuschauer gekommen, drei Viertel der Plätze bleiben leer. Weil die Kinoketten aber jede Produktion gleich in Dutzenden Sälen in ganz Deutschland zeigen, rechnet sich das Projekt wohl trotzdem. Die Berliner Kinos International und Filmkunst 66, die schon 2007 mit Opern-Ausstrahlungen begonnen hatten, haben dagegen seit 2011 kein Musiktheater mehr im Programm.

Alle großen Kinos sind inzwischen mit digitalen Projektoren ausgestattet, so dass auch Liveübertragungen möglich sind. Seitdem haben viele Multiplexketten eine Eventsparte im Programm: Oper, Ballett, Popkonzerte. Auch die Berliner Philharmoniker übertragen in dieser Saison drei Konzerte deutschlandweit.

Vor der Ouvertüre von „Tosca“ gibt Dirigent Antonio Pappano eine Einführung. Während er erklärt, dass die Geschichte in Rom um 1800 spielt, werden opulente Stadtansichten eingeblendet. Außerdem wird dem Kinozuschauer ein Blick hinter die Kulissen gewährt, ein Privileg gegenüber dem Live-Operngänger: Pappano probiert eine Liebesszene mit Gheorghiu und Kaufmann, anschließend zeigt die Kamera die Musiker im Orchestergraben beim Stimmen der Instrumente. Im Royal Opera House wird es still: Der Bühnenvorhang öffnet sich.

Regisseur Kent hat „Tosca“ traditionell inszeniert: Oper, die ohne Doppelbödigkeiten auch für Laien funktioniert – und für Verfechter konservativer Inszenierungen. Die Kinoversion ist außerdem deutlich an die Sehgewohnheiten von Film- und TV-Zuschauern angepasst. Nur selten ist die Bühne in der Totalen zu sehen. Die Kamera zeigt Nahaufnahmen, man bemerkt die Schweißperlen auf Kaufmanns Gesicht und sieht, wie sorgfältig Angela Gheorghiu manikürt ist. Den ehemaligen Opernsänger im Kino stört das nicht: „Man kann es nicht mit einem Besuch im Opernhaus vergleichen“, findet er, „es ist nicht schlechter, es ist anders.“

Zwischen dem ersten und zweiten Akt wird die Vorstellung für 20 Minuten unterbrochen. Zwar handelt es sich um eine Aufzeichnung, aber die Pause wird trotzdem beibehalten. Schließlich soll hier möglichst authentisch Oper gespielt werden. Die Zuschauer im Colosseum kaufen kein Popcorn an diesem Abend, doch Brezeln wie in der Oper gibt es auch nicht. Dafür liegt ein eigens gedruckter vierseitiger Programmzettel aus.

Zwischen den Akten und zum Schlussapplaus zeigt die Kamera immer wieder den ausverkauften Zuschauerraum im Royal Opera House. Von ihrem Kinosessel aus beobachtet eine Besucherin das Publikum auf der Leinwand. Sie selbst war noch nie in der Oper, sie könne sich die teuren Karten nicht leisten, sagt sie. Im Kino dagegen besucht sie schon zum dritten Mal eine Aufführung. „Hier sieht man die Gesichter so schön nah.“ In der Reihe sitzt eine junge Frau mit ihrer Großmutter, sie empfindet das anders: „Ich will die Bühne in der Totalen sehen – außer, wenn Jonas Kaufmann singt“, fügt sie hinzu, sieht ihre Großmutter an und lacht: „Ein wunderschöner Sänger!“

Die nächsten Berliner Klassik-Kinoabende: 21. 1, 19 Uhr, Kino in der Kulturbrauerei, Cubix Alexanderplatz, Event-Cinema im Sonycenter: Händel-Opernpasticcio mit Joyce DiDonato und Plácido Domingo aus der Metropolitan Opera New York.

27. 1., 19.30 Uhr, Cubix Alexanderplatz, Sony Center, Kino in der KulturBrauerei: Berliner Philharmoniker live aus der Philharmonie.

13. 2, 19.30 Uhr, UCI-Kinos Eastgate, Gropius Passagen, Friedrichshain: „Adriana Lecouvreur“ mit Jonas Kaufmann und Angela Gheorghiu aus London.

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