Kultur : Komm, wir leben

Jan Schulz-Ojala

Es fängt an mit einem fantastischen, einem furchtbaren Bild. Und wenn die Bilder dieses Films und die Bilder dieser Berlinale vorbei sind, wird es wieder auftauchen hinter allen Bildern und schimmern und bleiben. Ein kleiner Junge, der nicht schwimmen kann, kämpft gegen das Wasser. Und als seine Kräfter schwinden, sehen wir - neuester Technik sei Dank - sein Gesicht altern, über den größeren Jungen bis zum Mann, der unter Wasser ist und irgendwann hinter Glas, ein irgendwie Erwachsener, der irgendwas arbeitet irgendwo in der Welt. Und doch: für immer das Kind, das ein Vater ins Wasser geworfen hat zum Schwimmenlernen, gerade so, wie man eine Katze ertränkt.

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Kevin Spacey spielt diesen - fast - ewigen Säugling im Todesfruchtwasser, einen Mann mit dem komischen Namen Quoyle, dieses Kind von Mann in Lasse Hallströms "The Shipping News". Er hat zu viel Wasser geschluckt und ist ein bisschen beiseite geblieben, abseits und abseitig. Später wird er eine Frau kennen lernen, Julianne Moore spielt sie sehr leise und fein, deren Sohn nach der Geburt zu wenig Luft bekommen hat, weshalb auch er ein bisschen zurück und daneben bleibt, wo andere Kinder in die Mitte drängen. Und natürlich wird Quoyle, der eine einsame Tochter hat und keine Frau mehr, diese Spielplatzbetreuerin mit dem komischen Namen Wavey Prowse, die keinen Mann mehr hat und nur jenen luftarmen Sohn, sehr sehr vorsichtig lieben lernen.

Zu viel Wasser, zu wenig Luft: Daran gehen die Leute ein in Neufundland, wo Quoyle mit seiner Tochter und einer Tante (Judi Dench) hinzieht, nachdem seine wilde Frau durchgebrannt ist und sich totgefahren hat und seine Eltern auch tot sind plötzlich, zwei Urnen auf der Anrichte und weiter nichts mehr. Zu dritt bewohnen sie nun ein Haus wie ein Schiffswrack, vor 44 Jahren verlassen von den Quoyles und einst übers Eis gezogen an Tauen. Und so steht es noch: an Tauen - das Haus, in dem die Gespenster der Ahnen wohnen. Das Haus, in das man zurückkehren muss, um sich selbst zu begreifen und dann für immer fortzugehen.

Lasse Hallström, der Mann für sanfte, vielleicht ein bisschen sehr sanfte Literaturverfilmungen ("Gottes Werk und Teufels Beitrag", "Chocolat"), hat diesmal mit "The Shipping News" den gleichnamigen Roman von Annie Proulx sehr sanft verfilmt. Als Geschichte von einem, der auszieht, das Fürchten zu verlernen und etwas dagegen einzutauschen, das man freilich, wenn man erst erwachsen damit anfängt, nur langsam lernt: Leben. Quoyles Jahre vor Neufundland, ein Gelebtwerden nur, bringt der Film in zehn atemberaubenden Minuten hinter sich, und für das Danach mit seinen schmerzhaften und komischen Ereignissen ist dann gerade richtig viel Zeit. Eben so viel, um über Quoyle, der als Reporter für Schiffsmeldungen auch gegen seinen bösen Chef (Pete Postlethwaite) eine kleine Karriere macht, zu lachen und zu weinen und ihn für eine schöne Weile ins Herz zu schließen.

Zum Ende hin hakt Hallström ein bisschen ab - wohl vor lauter Sorgfalt, den vielen Lesern des Romans kein wesentliches Motiv vorzuenthalten. Aber stören tut das nicht wirklich. Der Film, der immer punktgenaue - mal kleine, mal übergroße - Bilder findet und eine Geschichte zu erzählen hat, mit der wir gerne zurecht kommen an einem langen Winternachmittag, wird Karriere machen im Kino und wohl auch auf dem Festival. Zumindest Jury-Präsidentin Mira Nair, die Hallströms tief freundlichen Blick auf die Welt teilt und ebenso freundlich erzählen kann, dürfte "The Shipping News" lieben.

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