Kultur : Komm zu mir, du neue Welt

Das Frankfurter Städel erschließt Albrecht Dürers Kosmos in einer prachtvollen Ausstellung.

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Der Künstler
Der Künstler

Anderthalb Jahre erst ist die große Ausstellung zum frühen Dürer her, die das Germanische Nationalmuseum in Dürers Heimatstadt Nürnberg als Ergebnis eines Forschungsprojekts zeigte. Wenn nun das Frankfurter Städel eine Ausstellung folgen lässt, die selbstbewusst nur „Dürer“ überschrieben ist, bedarf es schon der Rechtfertigung. Der Anlass ist denn auch ein besonderer: die temporäre Zusammenführung der heute verstreuten Tafeln des Heller-Altars, eines Zentralstücks Frankfurter Honoratiorentums der Renaissance.

Der Kaufmann Jacob Heller hatte 1507 ein Altarbild zugunsten seines Seelenheils für die Dominikanerkirche in Auftrag gegeben. Es sollte den Altar des heiligen Thomas von Aquin zieren und verblieb nach der Ablieferung 1509 bis zur Säkularisierung dort – mit Ausnahme der zentralen Mitteltafel mit der Marienkrönung, die der bayerische Herzog Maximilian I. bereits 1614 für seine Sammlung erwarb und durch eine offenbar pinselstrichgenaue Kopie hatte ersetzen lassen: Das Original ging ein Jahrhundert später bei einem Brand in der Münchner Residenz unter, so dass wir für die Beurteilung dieses Hauptwerks auf das Vertrauen in das Geschick des auf Dürer spezialisierten Kopisten Jobst Harrich angewiesen sind.

Die Städel-Ausstellung begnügt sich nicht damit, die Rekonstruktion des Heller-Altars zu dokumentieren, dessen in Frankfurt verbliebene Tafeln im Historischen Museum der Stadt bewahrt werden. Andere Teile, Seitentafeln (aparterweise von der Hand Mathis Gothart Nithart gen. Grünewalds), befinden sich in Karlsruhe. Das Ingeniöse dieses „deutschen Apelles“, als den ihn schon Zeitgenossen feierten, zeigt sich im Immerneuen dieses Erfinder-Künstlers.

Dass Dürer neben seiner Experimentierfreude ein kühl rechnender Unternehmer war, ist bekannt. Seine Frau Agnes verkaufte jahrelang auf den Frankfurter Messen zu Ostern und im Herbst die überaus beliebte Druckgrafik, deren Ruhm zurückreicht auf die 1498 veröffentlichte Holzschnittfolge der „Apokalypse des Johannes“. Sie erschien 1511 nochmals in einer grandios kolorierten Ausgabe: Im Unterschied zu den Holzschnitten anderer Grafiker wird die Farbe hier als dramaturgisches Element eingesetzt, auch dies eine Erstleistung Dürers und seiner zahlreichen Zuarbeiter.

Gerade den Heller-Altar verbuchte Dürer indes als finanzielles Minus: Ihn solle niemand mehr dazu bewegen, schrieb er bei Abgabe des Gemäldes, „ain taffel mit so viel arbeit mehr zu machen“. Einfache Gemälde wolle er im Jahr „ain hauffen“ machen, von dem niemand für möglich hielte, das ein einziger Mann sie schaffte. Überhaupt wolle er sich der Stecherei – gemeint sind Kupferstiche und Holzschnitte – zuwenden: „Und hette ichs bißhero gethan, so wollte ich uf den heitigen tag 1000 gulden reicher sein.“

Die prekäre Situation des freien Künstlers prägt Dürers Leben, bis hin zum Besuch in Antwerpen 1520 beim neuen Kaiser Karl V., von dem er sich die von seinem wichtigsten Auftraggeber, dem 1519 verstorbenen Kaiser Maximilian, ausgesetzte Jahresrente bestätigen ließ. Für Maximilian schuf er die berühmte „Ehrenpforte“, den größten je geschaffenen Holzschnitt, der hier in der teilvergoldeten Prachtfassung aus Braunschweig zu sehen ist: 3,5 mal 3 Meter groß und gedruckt von 195 Druckstöcken.

Immerhin war Dürer mehrfach in der Lage, ausgesetzte Jahresgehälter auszuschlagen, um frei zu bleiben, sowohl was die Ortswahl als die Tätigkeitsfelder betrifft. Die niederländische Reise 1520/21, bei der er sich mit einer todbringenden Malaria infizierte, betrachtet die Ausstellung zum einen unter dem Aspekt der Porträtkunst mit dem Höhepunkt des heute in Lissabon verwahrten Bildnis des „Heiligen Hieronymus im Studierzimmer“, zum anderen unter dem südamerikanischer Exotika. Im Bildnis des Hieronymus verschränken sich beide Aspekte, ist es doch eine Gegengabe für „indianische“ Artificialia wie einen Federschmuck sowie Naturalia wie einen Papagei, die ihm der portugiesische Gesandte de Almada zukommen ließ. Was Dürer sonst noch Staunenswertes sah, etwa die aztekischen Gastgeschenke an den neuen Kaiser, ist längst vernichtet, eingeschmolzen, zerrupft worden. Doch in Dürers schmalen Kommentaren spiegelt sich die Erfahrung einer „neuen“ Welt.

Apropos Reisen: Die zuletzt in der Nürnberger Ausstellung bezweifelte erste Reise Dürers nach Venedig 1494/95 wird in Frankfurt mit plausiblen Hypothesen verteidigt. Als materieller Beleg dient die Federzeichnung der „Nürnbergerin und Venezianerin“ von ca. 1495 aus eigenem Besitz. Doch sollte nicht angesichts von Dürers Vorstellungskraft ein solcher Beweis mit Vorsicht betrachtet werden?

Kurator Jochen Sandner, der Dürers Druckgrafik als eigentliches Exzellenzfeld des Künstlers präsentiert, hebt nicht zu Unrecht die vom Format her unscheinbare Doppelzeichnung der siamesischen Zwillinge von 1512 hervor, einer medizinischen Sensation, die damals in zahllosen Flugblätter verbreitet wurde. Dürer hat die „Zwillinge von Ertingen“ Elspett und Margrett nie gesehen, sondern imaginiert sie aus den ihm zugetragenen Nachrichten und seiner Kenntnis der menschlichen Anatomie. Es ist diese Imaginationskraft, die Dürer einzigartig macht und den roten Faden der überwältigend reichen Ausstellung des Städel Museums bildet. Vom Heller-Altar ausgehend, erschließt sie seinen ganzen Kosmos.

Städel Museum, Frankfurt a. M. bis 2. 2. Katalog bei Prestel, 400 S., 39,90 €.

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