Kommentar : Alle Kunst ist zeitgenössisch

Nicola Kuhn wundert sich über die Staatlichen Museen.

Nicola Kuhn

Seit vier Jahren hängt die Inschrift von Maurizio Nannucci in den Kolonnaden des Alten Museums und strahlt in die Stadt hinein. Die rote Neonbotschaft lautet: „All art has been contemporary“ – und das an dem Ort, der temporär Nofretete beherbergte, bevor das Ägyptische Museum nun ins Neue Museum umzieht. Die vier Meter breiten Lettern kündeten von der geistigen Offenheit der Staatlichen Museen. Bei der Eröffnung des Ägyptischen Museums und der Einweihung des Lichtkunstwerks hatte der damalige Generaldirektor Peter Klaus Schuster noch gejubelt, dass Schinkels Museum am Lustgarten „sich plötzlich in jenes Universalmuseum der Weltkunst, von dem Schinkel, Goethe und die kosmopolitischen Brüder Humboldt geträumt haben“, verwandele.

Und das soll nun vorüber sein? Der italienische Lichtkünstler, der auch der Bundestagsbibliothek einen leuchtenden Denkspruch gewidmet hat, erhielt jetzt die Kündigung des neuen Generaldirektors. Bis Ende des Monats soll sein Werk abgebaut sein. Zur Begründung erklärte Michael Eissenhauer, dass sich mit dem Einzug der Antikensammlung und der Sonderausstellung zum Humboldt-Forum der Geist der Präsentation geändert habe. Das wäre fatal: Sollte im Alten Museum fortan aller Kunst die Gegenwart verloren gegangen sein? Welcher Geist weht in der Probebühne für das künftige Humboldt-Forum? Ist museale Versiegelung geplant, wo doch mit Humboldt gerade das Epochendenken überwunden, die Erweiterung des Zeit-, Kultur- und Kunstbegriffs angestrebt war?

Angesichts des Schiffbruchs, den der konservative Stella-Entwurf, die Rekonstruktion des Stadtschlosses, gerade erleidet, scheint der Nannucci-Satz ein Menetekel zu sein. Er singt das Loblied der Zeitgenossenschaft und erinnert daran, dass jegliche künstlerische Produktion aus der Aktualität heraus geschieht. Unser heutiger Blick zurück erhält die Vergangenheit am Leben. Mit Nofretete war es ein Leichtes, auf diese Reise durch Zeit und Raum zu gehen. Umso mehr braucht das Alte Museum einen solchen Leit- und Leuchtspruch, der es in die Gegenwart führt.

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