Kommentar : Kiste in der Krise

Ein Kunsthallen-Bashing

Ein

Der Zufall ist bezeichnend: In der Temporären Kunsthalle am Schloßplatz wird zur Podiumsdiskussion für den morgigen Dienstag geladen, um über Standort, Zeitpunkt einer dauerhaften Einrichtung zu beraten – und ob man sie sich leisten kann. Währenddessen will der Senat auf seiner Klausurtagung bereits am heutigen Montag beschließen, dass es eine feste Kunsthalle geben soll: Eröffnung 2013 am Humboldthafen mit einem Budget von 4,8 Millionen Euro. Das Thema des morgigen Abends hat sich damit eigentlich erledigt, gäbe es nicht noch einiges andere zu diskutieren.

Denn nicht nur von externen Entscheidungen werden die Planungen der Temporären Kunsthalle überrollt, auch intern geht es drunter und drüber. Gerade zwei Monate ist es her, da wurde KunsthallenInitiatorin und Geschäftsführerin Constanze Kleiner ihrer Aufgaben entbunden. Ihr Ko-Geschäftsführer Thomas Eller, der wenige Tage vor der Eröffnung des Ausstellungskubus im November geholt worden war, erfährt nun das gleiche Schicksal. Auch ihn setzte die Stiftung Zukunft Berlin, in deren Trägerschaft sich die Kunsthalle befindet, vor die Tür.

Statt des „marketingaffinen Kunstmannes“ Thomas Eller soll künftig der „kunstaffine Marketingmann“ Benjamin Anders den Job übernehmen, wie es in der Einladung zu seiner Präsentation Ende Juni heißt. Auf den Künstler und Publizisten Eller folgt der Wirtschaftsmann Anders, der zuvor bei einer Baumarktkette und im Medienbereich tätig war. Seine Aufgabe wird es sein, das finanzielle Desaster abzuwenden und die Publikumszahlen zu erhöhen. Ausgerechnet am prominentesten Platz von Berlin sollte es an Besuchern eigentlich nicht fehlen.

Angesichts dieses Scherbenhaufens mutet es geradezu wundersam an, dass sich der Berliner Haushaltsausschuss zum Bau einer dauerhaften Einrichtung entschieden hat. Doch aus den gemachten Fehlern lässt sich lernen, und die Konstellation der künftigen Kunsthalle sieht völlig anders aus, da sie zu 80 Prozent Fördermittel erhalten und als Tochter-GmbH eventuell einer Landesinstitution wie der Berlinischen Galerie angeschlossen werden soll. Auch für den Bau will der Senat aufkommen – das verringert den Einfluss von mitsprachewilligen Sponsoren. Die Temporäre Kunsthalle hingegen ist ein Privatunternehmen. Sie konnte erst durch eine Spende des Mäzens Dieter Rosenkranz in Höhe von knapp einer Millionen Euro gebaut werden. Die von Rosenkranz mitbegründete Stiftung Zukunft Berlin hat dadurch das Sagen; dort bestimmt der ehemalige Kultursenator Volker Hassemer den Weg.

Was als Idee der beiden Künstler-Kuratorinnen Coco Kühn und Constanze Kleiner nach einer letzten Ausstellung im Palast der Republik begann und durch die Unterstützung wichtiger Museumsleute im Beraterteam inhaltlich an Format gewann, musste sich mit den Vorgaben der Stiftung stoßen. Das sympathische Projekt, das von hochfliegenden Hoffnungen der Kunstszene begleitet wird, hat am Schloßplatz eine Größenordnung erreicht, die zumal durch zurückgegangenen Sponsorengelder in Zeiten der Finanzkrise kaum zu bewältigen war.

Zugleich gab es um die inhaltliche Ausrichtung Streit. Das erste Jahr hatte ein klares Programm: Jedes Mitglied des vierköpfigen Beraterteams durfte eine Ausstellung zeigen. Als Letzter präsentiert der Kieler Kunsthallendirektor Dirk Luckow ab 11. Juli das amerikanisch-kubanische Duo Allora & Calzadilla. Die bisherigen Ausstellungen konnten die Erwartungen jedoch nicht erfüllen.

Gerade durch die ungeklärte Kompetenzverteilung fehlt es der Temporären Kunsthalle an Profil. Thomas Eller, der eine inhaltliche Perspektive hätte geben sollen, vermochte bis zuletzt kein Programm für die ausstehenden vier Ausstellungen vorzulegen. Die geschassten Initiatorinnen hatten immer Gruppenausstellungen mit Berliner Künstlern im Sinn; Eller wollte theoretische Fragen stellen und den Blick gen Osteuropa wenden. Aus der Stadt selbst wurde der Ruf laut, hier internationale Stars wie Olafur Eliasson groß vorgeführt zu sehen.

Die Temporäre Kunsthalle ist ein trauriges Exempel dafür, was mit einem guten Projekt geschehen kann, wenn es weder klare Führung noch Profil besitzt. Die für morgen geplante Diskussion könnte sich doch noch lohnen.

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