Kommentar : Krise, Krieg und Kapital

Ein Festival macht Politik - auch und gerade die Berlinale. Die Globalisierung mit all ihren Folgen ist im Kino eher als anderswo angekommen, meint Christina Tilmann. Das produktionstechnisch so schwerfällige Medium Film ist wieder einmal schneller als andere.

Christina Tilmann

Die Banken sind die Bösen in Tom Tykwers Thriller „The International“. Da agiert eine Luxemburger Großbank mit Terror und Tod, mit Waffenhandel und Korruption. Und ein Einzelner versucht, ihr das verbrecherische Handwerk zu legen, während die Regierungen längst korrumpiert sind und die Ermittlungen behindern. Die Story ist inspiriert von Ereignissen der Achtziger und frühen Neunziger. Es ist der Film zur Stunde. Er eröffnet morgen die 59. Internationalen Filmfestspiele Berlin.

Die Banken sind die Bösen – auch für Festival-Chef Dieter Kosslick, der beklagt, dass die durch Banken finanzierten Filmproduzenten immer mehr auf schnellen Filmstart drängen und weder Zeit noch Nerven haben, den publicityträchtigen Auftritt auf einem internationalen A-Festival abzuwarten. Weshalb sich die Berlinale gerade bei amerikanischen Produktionen immer schwerer tut, die cineastischen Großkaliber an Land zu ziehen. Ein Film wie Gus van Sants „Milk“ mit Sean Penn in der Hauptrolle, der ein klassischer Berlinale-Film gewesen wäre, läuft nur deshalb nicht im Wettbewerb, weil einzelne europäische Länder auf einem Filmstart im Januar bestanden.

Angesichts solch existenzieller Nöte nimmt sich das Berlinale-Programm immer noch angemessen glamourös aus: mit Stars wie Michelle Pfeiffer und Clive Owen, Keanu Reeves und Renee Zellweger, Kate Winslet, Ralph Fiennes, Demi Moore, Gael Garcia Bernal oder Monica Bellucci. Doch wichtiger als der Starrummel auf dem roten Teppich, den die ewigen Konkurrenten Cannes und Venedig genauso, wenn nicht eindrucksvoller inszenieren, ist ein Signal, das die Berlinale jedes Jahr wieder in den kalten Februar sendet. Mehr als die beiden anderen A-Festivals ist die Berlinale das politische Festival, das die aktuell virulenten Themen aufgreift. Und die Jury belohnt das Engagement regelmäßig: Michael Winterbottoms Guantanamo- Anklage „In This World“ gewann 2006 den Silbernen Bären, Errol Morris’ Abu-Ghraib-Dokumentation „Standard Operating Procedure“ wurde im vergangenen Jahr mit dem gleichen Preis ausgezeichnet.

Ein Festival macht Politik, schon immer. Genau 30 Jahre ist es her, dass sich über Michael Ciminos „The Deer Hunter“ die Jury zerstritt. In diesem Jahr geht es im Programm um Flüchtlingsschlepper und Welthunger, um die Auseinandersetzung mit Neoliberalismus und Privatwirtschaft, um Kapital und Korruption, Krieg und Krise. Genug Stoff für Streit. Und ein seltsamer Effekt: Die Globalisierung mit all ihren Folgen ist im Kino eher als anderswo angekommen, das produktionstechnisch so schwerfällige Medium Film ist wieder einmal schneller als andere. Was in Indonesien oder im Iran, in Guatemala oder Nordkorea passiert, ist auf einem Festival wie der Berlinale nicht mehr nur in Nebenreihen präsent.

Filmemacher als Seismografen also, die vorausahnen, worüber später die ganze Welt spricht. So sieht auch Festival-Chef Dieter Kosslick die Rolle seiner Zunft, und er glaubt unverdrossen daran, dass auch Filme und Festivals die Welt verändern. Er hat deshalb schon das Krisenthema ausgemacht, das nach der Wirtschaftskrise kommt: das Ernährungsproblem. Seine Lieblingsprojekt, die Festivalreihe „Kulinarisches Kino“, kümmert sich keineswegs nur um Sterneköche und gutes Essen, sondern um Lebensmittelskandale, Genmanipulation, Monokulturen und Ausbeutung. Man kann das, schon heute, gelegentlich in der Zeitung lesen. Oder eben dafür ins Kino gehen. Vor allem in den nächsten zehn Tagen.

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