Kommentar : Rokoko-Rolle rückwärts

Frederik Hanssen über Amtshilfe beim Staatsopernstreit.

Frederik Hanssen

Eigentlich könnte sich Berlins Kulturstaatssekretär André Schmitz entspannt zurücklehnen. In der mit Vehemenz und Leidenschaft geführten Debatte um die Renovierung der Staatsoper Unter den Linden scheint sich eine Mehrheit für die Erhaltung von Richard Paulicks 1955 im Rokoko-Stil nachempfundenen Saal herauszukristallisieren. Auch Schmitz wünscht sich diese Lösung. Er hat nur ein Problem: Regula Lüscher. Die Berliner Senatsbaudirektorin erklärte jetzt im Bauausschuss des Abgeordnetenhauses, die Politik habe in ästhetischen Fragen überhaupt kein Mitspracherecht. Um das Vergabeverfahren juristisch wasserdicht durchführen zu können, dürfe der Senat Wünsche zur Innenraumgestaltung erst vorbringen, wenn ein Generalplaner für das gesamte Projekt von der Bühnentechnik über die unterirdischen Depots bis zum Verwaltungsgebäude gefunden sei. Damit ist das Parlament zur Quasselbude degradiert, und der Senat steckt nicht mehr in der Lüsterklemme, wie die „B.Z.“ genialisch kalauerte, sondern in der bürokratischen Falle.

Waren ursprünglich zwei Wettbewerbe geplant, einer zur technischen Durchführung des Gesamtprojekts und ein separater für den Saal, den heikelsten Bauabschnitt, der allerdings nur fünf Prozent der Gesamtkosten von 241 Millionen Euro ausmachen wird, zog Lüscher im Frühjahr die Verfahren überraschend zusammen, offiziell aus Gründen des Zeitdrucks. „Amtshilfe“ nennt man es, wenn eine Fachbehörde einer anderen zur Seite steht: Die Kulturverwaltung führt zwar die Lindenoper in ihrem Etat, doch das Vergabeverfahren für die Renovierung übernimmt nach dem üblichen Prozedere die Stadtentwicklungs-Verwaltung. So war es auch Regula Lüscher, die die neunköpfige Jury zusammenstellte. Neben Opernstiftungsdirektor Stefan Rosinski und Lüscher selber saßen vier Architekten in der Komission, die sich alle für den modernen Saal des Architekten Klaus Roth aussprachen. André Schmitz und die beiden Vertreter vom Bund standen da mit ihrer Paulick- Präferenz auf verlorenem Posten.

Hätte der Kultur-Staatssekretär seine Niederlage verhindern können, wenn er besser informiert gewesen wäre? Wäre es ihm möglich gewesen, den von Lüscher bewusst offen formulierten Ausschreibungstext so zu konkretisieren, dass moderne Entwürfe gar nicht hätte eingereicht werden können? Hätte er Einfluss auf die Juroren-Auswahl nehmen, dafür sorgen können, dass nicht die Avantgardisten gegenüber den Bewahrern vor vornherein in der Überzahl waren? Jetzt bleibt den Traditionalisten nur noch die Hoffnung auf ein Machtwort von Klaus Wowereit. Dessen Taktik kennt man ja: Er wartet lächelnd ab, wohin sich die öffentliche Meinung neigt und hängt sich dann daran. Jury-Voten sind ihm dabei ziemlich egal.

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