Kommentar zum Berliner Theatertreffen : Die besten Inszenierungen fehlen

Allergie gegen großes Schauspiel: Die Jury des Theatertreffens hat die politisch brisantesten und künstlerisch brillantesten Inszenierungen des Jahres verschlafen.

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Edgar Selge in Karin Beier Inszenierung von Houellebecqs "Unterwerfung" am Deutschen Schauspielhaus Hamburg. Das Stück fehlt beim Berliner Theatertreffen. Foto: dpa
Edgar Selge in Karin Beier Inszenierung von Houellebecqs "Unterwerfung" am Deutschen Schauspielhaus Hamburg. Das Stück fehlt beim...Foto: dpa

Wer schon vor dem ersten Bissen die Speisekarte verreißt, kann sich und anderen leicht den Appetit verderben. Andererseits, im Fall des Berliner Theatertreffens ist Kritik an der Jury der Kritiker und ihrer Auswahl völlig normal. Mäkeln am Menu gab’s da häufig, und nach Tische las man’s auch mal anders.

Um im Bild zu bleiben: Das Theatertreffen wollte immer mehr sein als weder Fisch noch Fleisch. Zum Kriterium des „Bemerkenswerten“ gehört auch die zeitgenössische Brisanz, gepaart mit künstlerischer Brillanz. Wenn es zuletzt etwa um Flüchtlinge ging, um Migration oder Rassismus, überwog dabei bisweilen das Thema die Gestaltung. Diesmal aber hätte sich die Chance geboten, beides so stark wie nachhaltig zusammenzubringen. Man stelle sich nur vor, Edgar Selge hätte seine grandiose Verkörperung von Michel Houellebecqs „Unterwerfung“ – die Vision der Wahl eines islamischen Präsidenten in Frankreich im Jahr 2022 – jetzt zur Eröffnung des Treffens gespielt: am Vorabend dieser französischen Wahl!

Wo ist Ostermeiers „Professor Bernhardi“?

„Unterwerfung“ im Hamburger Deutschen Schauspielhaus, nach jeder Vorstellung von 1000 Zuschauern mit stehender Ovation bedacht, ist die Meisterinszenierung der Hamburger Intendantin Karin Beier (die gewiss schon mit Schwächerem zum Treffen geladen war). In die Aufführung pilgern Theaterfans aus aller Welt, sie soll verfilmt werden, und Edgar Selge wurde von der Kritik dafür zum Spieler des Jahres gekürt. Die Berliner Jury aber hat sie glatt verschlafen. Und vorbeigeurteilt hat sie, von 377 angesehenen Aufführungen (ein Wahnsinn!) vermutlich erschöpft, auch an Thomas Ostermeiers ingeniöser Vergegenwärtigung von Arthur Schnitzlers „Professor Bernhardi“: ein hochambivalenter Abend über Vorurteile, Political Correctness, Zivilcourage und Intriganz. Genderübergreifend. Und das ungemein genaue Gesellschaftsbild entsteht durch ein Ensemblespiel, wie es hochklassiger zur Zeit kein anderes gibt. Doch die Jury war blind, offenbar zuallererst für Schauspieler*innen. Allein, was bleibt dann noch?

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