Kultur : Kommt an

PETER RAUE

Was ist "Junges Theater"? Eine postmoderne Marketing-, also eine Schnapsidee! Das Gegenteil von einem jungen Menschen oder einem jungen Wein ist ein alter Mensch bzw.ein alter Wein und das Gegenstück zum "jungen Theater" - ein altes Theater? Ist ein "junges Theater" ein Theater, das von jungen Menschen geschrieben, inszeniert, gespielt, besucht, kritisiert wird?

Theatertreffen Berlin 1998.In der Baracke "Messer in Hennen".Ein junger Mann - Thomas Ostermeier - legt eine textpräzise, haargenaue "alt-meisterliche" Inszenierung vor, die in Erinnerung bleiben wird wie der "Stallerhof" mit Eva Mattes vor 30 Jahren.Tabori kommt aus Wien, mit Becketts "Fin de Partie": öffnet dieses hermetische Stück mit genialer Hand (und erntet dafür Lachsalven), um zwei großen Schauspielern - Ignaz Kirchner und Gert Voss - eine unbeschreibliche Balance zwischen Textgenauigkeit und Improvisation vorführen zu lassen.Tabori ist 84 Jahre "alt" - seine Beckett-Interpretation ist eine der heitersten, erfrischendsten, bewegendsten jüngsten Aufführungen, die ich seit langem gesehen habe."Altes Theater", weil der Regisseur 84, die Schauspieler - sagen wir - um die 50 sind?

Alles dummes Zeug! Altes Theater, das ist "dejà vu", ist Wiederholung des Oftgesehenen."Da siehst du ganz schön alt aus", tadelt mich ein Zwanzigjähriger; damit meint er nicht meine grauen Haare - er will vielmehr sagen: "Damit kommst du nicht an, das interessiert keinen Menschen, das kannst du vergessen." Ein "altes Theater", ein Theater, das "ganz schön alt aussieht", ist totes, überflüssiges, lähmendes Theater.Wenn dagegen "junges Theater" ein Theater ist, das mich angeht, dann gilt die Gleichung: jung = gut und alt = schlecht.Dann will ich nur junges Theater sehen: ob von der Mnouchkine, von Peter Brook, George Tabori, ob von Thomas Ostermeier, Stefan Bachmann oder einem Absolventen der Ernst-Busch-Schule - vielleicht dem Luc Bondy von morgen.

Peter Raue, Berliner Rechtsanwalt, ist ein leidenschaftlicher Theaterbesucher.Die Frage stellten die Berliner Festspiele mit Blick auf die Festwochen, die am 1.September beginnen.Der Tagesspiegel druckt einen Teil der Antworten.Nächste Folge: Rolf Boysen

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