Kultur : Kommt Zeit, kommt Verrat

Mafia unplugged: Martin Scorsese kehrt in „Departed“ zu seinen Wurzeln zurück

Jan Schulz-Ojala

Erst ist er nur der Schattenmann. Eine Silhouette, massiger Kopf mit breitem Kinn, hohes, weniges, nach hinten gestrubbeltes Haar, wie es teilzeitgemütliche Choleriker zu tragen pflegen. Und dazu die Stimme: verrucht verrauchter Knarzebass. Minutenlang geht das so, der Film hat längst angefangen, Leute sind zu sehen, das Mobiliar von Kneipen und Drugstores, etwas beginnt zu passieren, und doch ist da vor allem dieser große, böse Schatten, der über die Leinwand treibt und spricht. Nicht mehr als das gekritzelte, angeklimperte Motiv einer Figur: Sie muss sich nicht zu erkennen geben, wir kennen sie schon.

Nachher forscht die Kamera das aus, nach und nach. Zum Vorschein kommt ein grotesk schmieriger Pate, eine Paten-Schmiere. Kein Salonlöwe, sondern ein Boudoirleopard im Leopardenbademantel oder mit Leopardenkrawatte zum Mattfarbensakko: eher Larry Flynt als Hugh Hefner im Mafia-Milieu, dieser Old-School-Typ da mit hübschen Menschenpüppchen an der Seite. Einer, der mal mit Dildos, mal mit echt abgeschnittenen Gliedmaßen wedelt und im Hinterzimmer selber gern den Schlachter gibt. Der mit den Wildlederstiefeln fremder Leute auf gebrochene Handgelenke einprügelt und später auch schon mal erschöpft vor lauter Schlachterhandwerksseligkeit dasteht im riesigen, blutbefleckten Hemd. Und dazu kurze Erdstöße über die Fratzenlandschaft jagt, das Grimassengewitter, das wir seit Kuckucksnesterzeiten kennen.

Jack Nicholson ist Jack Nicholson ist Jack Nicholson ist der Mafia-Boss Costello – in dieser Reihenfolge läuft das in Martin Scorseses „Departed“, und das ist auch ganz in Ordnung so. Denn es geht gar nicht so sehr um die Geschichte in Scorseses fünftem Mafia-Film, sondern darum, wie die Stars ihre Rollen mal lässig, mal elegant, mal drehbuchgerecht angestrengt über die Schulter rollen. Das Gesamtkunstwerk Nicholson darf dabei manchmal über die Stränge schlagen, das ist Nicholson Nicholson schuldig. Macht nichts, solange an seiner Seite, mit Leonardo DiCaprio und Matt Damon, zwei höchst präzise schauspielerische Lenkwaffen neuerer Bauart agieren.

Matt Damon ist der Gute, auf den oberflächlichen Blick: der karrierebewusste Cop namens Colin Sullivan von der Massachusetts State Police – einer, der in Bostons Süden aufräumt, den die irischstämmige Mafia so liebevoll „Southie“ nennt. Und doch ein Zwillingsbruder des talentierten Mr. Ripley – das nur in unbeobachteten Momenten wegsäuernde Milchgesicht, der Lieblingsschwiegersohn-Typ mit Hang zum Doppelspiel. Einer, der seine Alarm-SMSn blind in der Jackentasche schreibt. Einer, der ein Penthouse mit Blick auf die goldene Kuppel des Bostoner Parlaments bezieht und dem schicken Himmel doch viel ferner bleibt als den Fußböden schmutziger Fabrikhöfe, auf denen die Blutlachen treiben.

Leonardo DiCaprio gehört zu den Bösen, so scheint’s, als einer von Costellos Gangstern. Und doch: ein Wiedergänger jenes Harvey Keitel, den schon in Scorseses „Mean Streets“ das katholische Restgewissen plagte, ein Echo auch auf den vitalen Anführer, als der er selbst in „Gangs of New York“, Scorseses Prequel aller Mafia-Filme überhaupt, den Kampf mit Billy the Butcher aufnahm. In „Departed“ heißt er selber Billy: eine Energiebombe, die sich, um sozial kompatibel zu bleiben, mit Valium sedieren muss. Ein Typ mit Dauerwutfalte, dessen Züge sich nicht einmal lösen, als eine Art Liebe ins Spiel kommt. „Ihre Verletzlichkeit haut mich um“, sagt die Frau. „Ist die echt?“

So echt, wie sie bei Schauspielern nur sein kann. Und so echt, wie die Rolle es verlangt. Denn Damon und DiCaprio, Colin und Billy sind feindliche Brüder, die voneinander nicht wissen. Colin ist Cop, arbeitet aber eigentlich für Costello. Billy gehört zu den Gangstern, ist aber eigentlich V-Mann, also Cop der untersten Kategorie. Zwei „rats“, zwei Maulwürfe: Das funktioniert in grimmigem Frieden, so lange die Schachfiguren dieses Spiels bloß virtuos vorangeschoben werden. Dann aber geht, die jeweiligen Truppen wittern den Verrat, der Jagdauftrag raus. Aber was, wenn man sich selber jagen muss? Was bleibt von der schon kümmerlichen Schizo-Identität, wenn man zum Spurenverwischen als erstes sein Spiegelbild zerstören muss?

Martin Scorseses „Departed“, der reichlich von „Verstorbenen“ erzählt oder vielleicht kälter noch: von „Abgängen“, ist eisern symmetrisch gebaut, im Psychologischen, im Dramaturgischen, auch im Personal. Natürlich haben die beiden jungen Staats-Mafiosi ihre Ersatzväter, auf die nur bedingt Verlass ist, und kurz, aber entscheidend, sind sie durch die einzige Frau dieses Männerfilms – die Psychologin Madolyn (Vera Farmiga) – miteinander verbunden. Diese Formelhaftigkeit aber entschlüsselt sich erst hinterher. Das Geschehen treibt, von zwingendem Zufall zu eben noch vereitelter Katastrophe, aufregend und zügig voran, bis hin in Exekutionen, die sowohl der Augenblickslogik als auch der höheren Fügung einer moralisch ergiebigen Kettenreaktion folgen. Das Happyend aber nach geradezu shakespeare’schem Gemetzel: fast eine Nicholson-Fratze.

Noch schmerzhafter, und deshalb stärker, fällt es in der Vorlage zu „Departed“ aus, Andrew Laus Hongkong-Hit „Infernal Affairs“ von 2002. Scorseses Film ist, auch wenn der Regisseur lax das Gegenteil behauptet, ein lupenreines Remake des Triadenthrillers, in dem Tony Leung den noch eben moralischeren und Andy Lau den skrupelloseren der beiden arg ins Anthrazitfarbene abgemischten Charaktere geben. Das Boston-Setting wirkt im übrigen, abgesehen von den Handys, die in einer denkwürdigen Szene dem atemlos stummen gegenseitigen Lauschangriff der Protagonisten dienen, ziemlich retro: Mafia unplugged in meist schmuddelig-zernutzen Interieurs. Gekämpft wird mit rauen Sprüchen, dann mit Fäusten, und erst dann mit Kanonen. Und Michael Ballhaus, der hier zum siebenten Mal mit Scorsese arbeitet, lässt seine Kamera nicht zu den üblichen Draufsichten und Kreisfahrten von der Leine, sondern jagen und hinterherjagen und schießen und gegenschießen, dass es eine Freude ist. Und ab und zu gibt es Dampf, der die Gesichter verwischt, und es gibt Fensterlamellen in schütterem Licht: manchmal fast noir, das Spiel in braunverwaschenen Farben.

Ein großer Film? Eher eine altmeisterlich entspannte Rückkehr zu den Wurzeln. Martin Scorsese – lange schon weg aus Little Italy, und die Stippvisite in „Casino“-Las Vegas ist auch bereits zehn Jahre her – guckt nur mal nach, was die Burschen in Bostons „Southie“ so treiben. Und da ist genug los für Unterhaltung auf höchstem Niveau, zweieinhalb Stunden lang. Man muss nicht immer wichtig sein.

Ab morgen in 25 Berliner Kinos; OV im Odeon und im Cinestar SonyCenter

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