Kultur : Kommune in Kriegszeiten

Porträt einer ungewöhnlichen Frau: Peter Schneider erkundet in einem klugen Buch „Die Lieben meiner Mutter“.

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Auf einmal waren die Straßen verstopft von Pferden, die den frisch gefallenen Schnee aufwühlten. Die Bauern in Grainau, einem Dorf unterhalb der Zugspitze, hatten Kühe, Ochsen, Schafe, Schweine, aber keine Pferde. Pferde galten als Luxustiere. Woher kamen die mehr als 1000 Rösser? Sie gehörten zu versprengten Einheiten von Gebirgsjägern und SS, die auf der Flucht vor den Amerikanern die Straßen mit ihren Tieren verstopften. Noch Monate später hielten sich Hunderte von Menschen versteckt im Gebirge auf, in Heuschobern und Schutzhütten. Ihre Pferde haben sie zurückgelassen. Es ist April 1945; der Befehlshaber von Garmisch-Partenkirchen hat, gegen sämtliche Anordnungen, die Stadt zu verteidigen, bedingungslos kapituliert.

Das starke Bild der Pferde ist zugleich das Symbol für das Ende des Nationalsozialismus. Peter Schneider erzählt vom Krieg, das haben viele getan. Und er erzählt von seiner Mutter; auch das haben in den vergangenen Jahren – bedauerlicherweise – einige getan. In der Zusammenführung beider Themen ist Schneider ein kluges, überraschendes Buch gelungen, das nicht die Gattungsbezeichnung „Roman“ trägt, weil sein Nucleus nicht fiktional ist. Denn die Briefe der Mutter, die den Ausgangspunkt des Buches bilden, lagen Jahrzehnte bei Schneider herum, ungelesen nicht zuletzt deshalb, weil er die steile Sütterlinschrift seiner Mutter nicht lesen konnte und für ihren Inhalt erst eine Übersetzerin engagieren musste. Wie es dazu kam, dass sämtliche Briefe, also auch die von der Mutter geschriebenen, wieder in Schneiders Besitz kamen, ist eine Geschichte für sich. Im Roman würde man von haarsträubender Unplausibilität sprechen. Die Realität darf sich darüber hinwegsetzen.

Peter Schneider, Jahrgang 1940, gilt als eine Galionsfigur der 68er-Bewegung. Umso bemerkenswerter ist, dass er das Gegenteil einer Abrechnung mit der Elterngeneration geschrieben hat. Sein Ansinnen ist die Versöhnung im Privaten mit einer Frau, die starb, als er acht Jahre alt war. Sicher, der Schuldgedanke, die Fragen um NSDAP-Mitgliedschaft, Widerstand, Anpassung, Täterschaft – all das wird keineswegs ausgeblendet. Grundsätzlich aber geht es Schneider nicht um gesellschaftliche Aufklärung (die ohnehin bereits geleistet ist), sondern um Selbstaufklärung – und um das Porträt einer ungewöhnlichen, belastbaren, belasteten Frau. Schneiders Sprache ist klar, analytisch und präzise. Das Pathos und den hohen Ton bringt überraschenderweise die Mutter selbst ins Spiel. Ihre in kursiven Passagen auszugsweise in den Text eingebauten Briefe sind in einem von Lyrismen und philosophischen Sentenzen durchsetzten Duktus geschrieben. Der wiederum erklärt sich aus der biografischen Situation: Die Mutter hat zwei Männer, mindestens.

Da ist ihr Ehemann, Schneiders Vater Heinrich; und da ist dessen bester Freund Andreas. Beide arbeiten 1940 an der Oper in Königsberg, Heinrich als Dirigent, Andreas als Regisseur. Nach dem Krieg, heißt es im Buch, sollte Andreas weltberühmt werden; man darf raten, wer sich hinter dieser Figur verbirgt. Heinrich, mit dem die Mutter vier Kinder hat (Peter ist das dritte) ist der ruhende Pol, Andreas das Objekt der Sehnsucht. Frappierend ist die völlige Offenheit dieser Konstellation: Heinrich weiß vom Verhältnis der Mutter; er toleriert es; es zieht sich durch die Kriegswirren. Nach der Bombardierung Dresdens flieht die Mutter mit den Kindern quer durch Deutschland bis nach Grainau, in das Ferienhaus ihres verhassten Vaters. Ihre Männer sind im Krieg; der Briefwechsel geht weiter.

Fasziniert ist der Alt-68er-Schneider, versteht sich, von dem emanzipatorischen Rollenbild, in das die Mutter von den Umständen gestellt wurde. Der Gedanke an eine Kommune kommt früh auf – zu dem Liebesdreieck gesellt sich noch Linda, die beste Freundin der Mutter, hinzu, deren Liebeswerben um den spröden Andreas der Konstellation zusätzlich Pikanterie gibt. Die Voraussetzung für die Promiskuität der Mutter aber ist stets die klassische Vorstellung einer sich verzehrenden Liebe. Das lässt das Verhältnis zwischen ihr, Heinrich und Andreas so prekär und so gefährlich erscheinen.

So behutsam sich Schneider anhand der Briefe an die fragile Gefühlswelt der Mutter herantastet, so vorsichtig beginnt er, in der eigenen Grainauer Kindheit zu recherchieren. Die Gegenwart, in der Schneider ehemalige Schulkameraden befragt, wechselt mit eindringlichen, klischeefreien Schilderungen der kargen unmittelbaren Nachkriegszeit, in der der ältere Nachbarsbub Willi als Stellvertreter Gottes auf Erden auftritt und gegenüber den norddeutsch-protestantischen Schneider-Kindern die Rolle eines dämonischen Verführers einnimmt. Glaube, Aberglaube und Enttäuschung, Erkenntnis, Selbsterkenntnis und Zweifel sind in jeder Hinsicht Leitmotive des Buches.

Bleibt die rätselhafteste Figur: der Vater. Warum hat er all die Jahre die Sprunghaftigkeit der Mutter geduldet? Hat er, um die Depressionen seiner Frau wissend, deren Liebeswirren um den Preis der eigenen Demütigung ertragen? Andreas und Heinrich sterben im gleichen Jahr, kurz hintereinander. Es spricht für den Autor und den Menschen Peter Schneider, dass er nicht alle offenen Fragen dem Reiz des Spekulativen preisgibt.

Peter Schneider: Die Lieben meiner Mutter. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2013. 300 Seiten, 19,99 €.

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