Kommuniaktion : Über Politiker und die Menschen draußen im Lande

Ach, die Sachzwänge: Politiker, ihr Publikum und die Angst vor dem Dialog.

Caroline Fetscher
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Herrschaftsfreie Kommunikation. Die Kanzlerin und ein Kinderreporter. -Foto: ZDF

„Biegen Sie bei der nächsten LZA links ab“, empfahl der Polizist. „Was ist eine LZA?“ erkundigte sich die Autofahrerin durchs heruntergekurbelte Fenster. Der Mann stutzte kurz und beschied: „Lichtzeichenanlage!“ Nichtpolizisten sagen dazu einfach Ampel. Die Geschichte ist Jahre her. Im Lauf der Zeit haben sie gelernt, bürgernäher zu sein, die Ordnungshüter, Beamten, Behördenangestellten im Land. Ihr Lehrer war der Alltag, der tägliche Umgang mit wirklichen, lebendigen, sprechenden Bürgerinnen und Bürgern.

Nur die Politiker tun sich nach wie vor schwer – denn ihre Berufspraxis sperrt gerade diesen Alltag aus. Ein Wahlkampf wie dieser, taumelnd zwischen Krisengeraune und Inhaltssuche, in dem fast jeder Politiker Angst vor dem eigenen, öffentlichen Wort hat, bringt das Defizit erbarmungslos zum Vorschein. Denn im heißen Wahlkampf müssen sie sich ihm stellen, „dem Wähler“. Diesem heutzutage so sperrigen, heterogenen und von Partikularinteressen befallenen Wesen begegnen Politiker aller Farben jetzt in Talksendungen oder Wahlarenen. Da sind die Wähler nicht mehr praktisch kondensiert zum statistischen Aggregat, wie in Umfragen mit Prozentangaben, sie sind nicht wegzuverwalten wie sonst, wenn Referenten Bürgerbriefe fortsortieren. Auf einmal ist „der Wähler“ mit seinen eigenen Worten, Werten, Wünschen und Sorgen leibhaftig da, mitten auf der medialen, demokratischen Agora. Und er scheint bedrohlich und er wirkt fremd.

Frappierend ist es, wie das Gros der Politiker diesem Live-Wähler begegnet. Ihre Chance, zu beweisen, dass sie von Mensch zu Mensch sprechen, auch zuhören, sogar in Respekt vor dem anderen Empathie zeigen zu können, vermasseln sich oft auch die Intelligentesten, fachlich Kompetentesten (von einigen eloquenten Plauderern wie Gregor Gysi oder Sigmar Gabriel abgesehen). Da sorgt sich ein Wähler, zum Beispiel, um den Atommüll, er engagiert sich in einer Bürgerinitiative. Stellvertretend für viele, könnte der Politiker den Bürger erst mal anerkennen: „Gut, dass Sie sich engagieren, ich bin froh, dass Sie das Thema ansprechen.“ Wenigstens ein zugewandtes Wort an den fragenden Arbeitslosen oder den Rentner in Not könnte fallen, ein ehrliches, ein ermutigendes. Wenigstens, ohne im Ton zu kumpeln oder zu intimisieren, könnte ein Satz fallen wie: „Ich verstehe Sie!“ oder, nicht-mechanisch gesagt, ein Satz wie: „Ihre Sorge kann ich nachvollziehen.“ In England gehört es formal zum guten Ton der Politiker, auf Bürgerfragen eine Minimalanerkennung zu äußern, etwas wie: „Thank you for your question“. Noch nicht einmal das hat sich in Germany – eingebürgert. Knochentrocken, zäh die Silben abwägend, bröckelt es programmatisch aus den Volksvertretern heraus, oft panisch über die Fragenden wegwischend, ohne sie weiter zu beachten, ohne nachzufragen: „Meine Partei setzt sich dafür ein, dass… wir haben schon seit langem… wir werden auch weiterhin…“ Vor ihnen steht nicht so sehr ein fragender Mensch, sondern eine Art bedrohliches Textauswurfgerät, aus dessen Worten der Politiker in rasender Schnelle genau das herausdestillieren muss, das sich zurück ins Programmatische pressen lässt. Der Wähler gerinnt auf der Stelle zum exemplarischen Bürger, dem man beibringen muss: „Meine Partei setzt sich dafür ein, dass… wir haben schon seit langem… wir werden auch weiterhin…“ Als habe Loriot die Dialoge in Szene gesetzt wirken diese Politiker, wenn sie sich an ihren je eigenen Lichtzeichenanlagen (Nettoverschuldung, Maßnahmenkatalog, Länderfinanzausgleich, CO2-Ausstoßverminderung, Bildungsinvestitionen) entlang bewegen. Sie können nicht aus ihrer Haut, am wenigsten wohl die beiden soliden Top-Konkurrenten, Top-Beamten. Sie missverstehen den Sinn der Bürgerdialoge, bei denen es nicht darum geht, das Parteiprogramm auszustoßen, sondern etwas verständlich zu machen, sich mit einem Gegenüber im Ansatz zu verständigen.

Tendenziell steigere sich die „professionsbedingte Deformation“ mit der Statushöhe, gibt, kaum überraschend, der Politiker-Coach Christopher Rauen zu Protokoll, das führe zu „Verhaltens- und Wahrnehmungseinschränkungen“ bei Vollzeitpolitikern wie Managern. Auf der langen Karrierestraße, dem buckligen Pflaster der Altlasten, des Netzwerkens, der Strategien und „Sachzwänge“ (unvergleichlich deutsche Wortbildung) verlieren die Spitzen-Wesen nach und nach den Alltag, ihre Nachbarn, Studenten, Freundeskreise, alle, die ihr Korrektiv sein könnten. „Die Menschen draußen im Lande“, war eine so beliebte wie entlarvende Redewendung von Helmut Kohl. Dass Politiker überhaupt so gern „die Menschen“ sagen, ist komisch genug. Sie sind ja an sich keine andere Spezies, sitzen nicht auf dem Olymp oder einem anderen Stern. Es ist aber eigentlich ein weiteres Symptom der Angst vor „den Menschen“.

Für Hunderte von Euro pro Stunde bieten Coachs den Politikern auf ihren einsamen Gipfeln der Macht an, sie auf den Boden der Welt zurückzuholen. Meist dient das dazu, noch effizienter den eigenen Fernsehauftritt analysieren, korrigieren, verbessern zu können. Der Coach als „neutraler Feedbackgeber“ soll Defizite erkennen. Aber schon damit wird der Coach selber Teil des Systems aus Kalkül und Zweck – weshalb das Coachen im Bereich „Bürgernähe“ offensichtlich nicht recht funktioniert. Ein Coach kann eben nie, wie eine Schulfreundin oder ein alter Nachbar, vehement Paroli bieten oder sich selber anvertrauen, Erfahrungen berichten. Wahrscheinlich würden die Mega-Volksvertreter weitaus mehr lernen, wenn sie sich in Ruhe „24 Stunden Berlin“ ansehen, den grandiosen Dokumentarfilm, der quasi einen Schnellkurs „Bevölkerung“ bietet.

Am entspanntesten wirkten die Haupt-Wahlkämpfer unlängst bei Interviews mit zwei unbefangenen Zwölfjährigen der Kindersendung „logo“. Welches Tier sie gern wären, fragten Kaja und Chris unter anderem. Der Kandidat (Elefant – „großes Gedächtnis“) und die Kanzlerin (Kröte – „erdverbunden“) zeigten zaghaft Humor, genug um den anrührenden Eindruck zu hinterlassen, dass ihre Erinnerung geweckt wurde, daran wie das einmal war, als Mensch bei den Menschen draußen im Lande. Überhaupt wären Kinder und Jugendliche vermutlich die absolut idealen Coachs für die gesamte politische Klasse.

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