Kultur : Komödienstadelmaier

In Frankfurt trafen sich Schauspieler, Intendanten und Regisseure zum Gespräch über die Freiheit

Karin Ceballos Betancur

Nur wenige Journalisten betreten das Große Haus im Schauspiel Frankfurt mit Spiralblöcken in der Hand. 23 Uhr an einem Donnerstag und trotzdem mehr als 200 Menschen, die gekommen sind, um mit Schauspielern, Intendanten und Regisseur die Frage „Freiheit für wen?“ zu diskutieren. Derjenige, der sich in seiner persönlichen Freiheit, „die nicht weniger als die Freiheit der Presse ist“ (Gerhard Stadelmaier, FAZ) angegriffen fühlt, ist nicht da. Auch der Sprecher der Imperative „Hau ab, du Arsch! Verpiss Dich! Beifall für den Kritiker!“ nicht. Es heißt, der Schauspieler Thomas Lawinky könne beim Berliner Ensemble Exil finden.

Frankfurt labt sich an einem Skandal, von dem Regisseur Sebastian Hartmann sagt, er würde gerne darüber lachen, wenn er könnte. Intendantin Elisabeth Schweeger erklärt, Lawinky habe „mit großer Haltung“ seinen Vertrag zur Verfügung gestellt. Was er getan hat, könne „in der Erhitzung“ passieren, sollte aber nicht vorkommen, „weil es der Kunst nicht bekommt, wenn sie sich angreifbar macht“. Stadelmaier habe ihre Entschuldigung für den Eklat bei der Premiere des Ionesco-Stücks „Das große Massakerspiel oder Triumph des Todes“ angenommen.

Dann bedankt sich Schweeger für die Solidarität. Die Schauspielerin Anita Iselin beschreibt die Situation als „peinlich, erschreckend, traurig, unangenehm, irgendwie auch großartig“ und bedauert, dass nur noch über Spiralblockraub und Verbalinjurien gesprochen werde, nicht über die Inszenierung. Hartmann berichtet, einige „sehr kluge Leute“ hätten ihm dazu geraten, den Skandal auszunutzen, „weil ich jetzt ein Plateau hätte, um furchtbar berühmt zu werden“. Diese Form von Berühmtheit wolle er aber gar nicht haben. Er sagt Sätze wie „Wir leben in einer Gegenwart, die schwer zu beschreiben ist“ und „Es ist der Versuch, Grenzen zu sprengen“. Vorwürfen, seine Inszenierung bediene sich überholter Provokationnummern, hält er entgegen: „Was soll ich denn zu Hause sagen, wenn meine Frau mir ihr Geschlechtsteil zeigt: Och nee, nicht schon wieder, das hab ich schon 3000 Mal gesehen?“

Selbstverständlich wird gefordert, dass Theater auch im Alltag einmal eine so prominente Stelle in der Berichterstattung einnehmen sollte. Gegeißelt wird das Verhalten der Oberbürgermeisterin Petra Roth (CDU), die nach einem Gespräch mit FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher die Entlassung Lawinkys gefordert hatte. Einen Höhepunkt erlebt die Diskussion, als sich Rainer Witzenbacher erhebt, Verlagsverwalter der Ionesco-Rechte. Er habe erst aus der Presse erfahren, wie der Regisseur mit dem Stück umgegangen sei, obwohl der Aufführungsvertrag mit dem Schauspiel Frankfurt Änderungen nur in Absprache mit dem Münchner Theater-Verlag Desch vorsehe. Von 20 Szenen seien vier übrig, davon zwei um mehr als die Hälfte gekürzt. Diese „Dreistigkeit des Regisseurs“, gepaart mit der „Unverantwortlichkeit des Theaters“ könnte ihn dazu veranlassen, das Stück sofort zu verbieten, er wolle aber kein „Kunstverhinderer“ sein. Fortan müsse jedoch für die Inszenierung ein neuer Titel gewählt werden, der nicht in assoziativer Nähe zu Ionesco steht, der Name des Autors unerwähnt bleiben sowie das letzte Bild, das einen Diaolog mit Ionesco evoziert, gestrichen werden. Schweeger vereinbart mit Witzenbach ein Gespräch für die kommenden Tage. Sie sagt: „Jeder ist aus seiner Rolle gefallen“. Am Freitag einigen sich das Theater und der Verlag; das Stück wird ab sofort unter dem Titel „Being Lawinky“ aufgeführt. Schauspielerkollegen aus anderen Theatern erklärten sich aus Solidarität mit Lawinky bereit, die Rolle des Darstellers jeweils für einen Abend zu übernehmen. Bei der nächsten Vorstellung heute Abend übernimmt Peter Kurth vom Hamburger Thalia Theater Lawinkys Rolle.

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