Kultur : Komparsen des Kriegs

Ein Gespräch mit dem kurdischen Filmemacher Bahman Ghobadi

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Herr Ghobadi, Sie sind iranischer Kurde und haben im Norden Iraks mehrere Filme gedreht. Wie erleben Sie jetzt den IrakKrieg?

Ich bin mit Leib und Seele iranischer Kurde: Iraner mit dem Leib und Kurde mit der Seele. Wenn ich den Krieg verfolge, ist es, wie wenn ich Filme drehe: Ich bin auf der Seite der irakischen Kurden, sie sind meine Familie. Im Fernsehen sehen wir Saddam und George W. Bush, aber von den Kämpfenden in Kurdistan gibt es keine Nahaufnahmen. Für die westlichen Reporter, die jetzt nach Kurdistan kommen, ist es wie bei Dreharbeiten. Aber für uns Kurden ist der Krieg immer live und kein Fernsehfilm. Wir sind die Komparsen des Krieges. Und wir sind seine Kinder: Wir kommen mit ihm auf die Welt, leben und sterben mit ihm. Deshalb macht er uns wenig Angst; wir spielen mit ihm, lachen über ihn. Aber es ist ein bitteres Lachen: Ich habe als Kind die iranische Revolution erlebt, dann den irakisch-iranischen Krieg und den Golfkrieg. Dabei habe ich meine halbe Familie verloren.

Haben Sie jetzt Kontakt zu den Kurden, die bei Ihnen als Laienschauspieler auftreten?

Ja, ich war kürzlich da und habe mit ihnen einen Kurzfilm gedreht. Als ich dort meinen nächsten Spielfilm vorbereitete, traf ich ein altes Mütterchen. Sie hatte ihr Bündel mit zwei Broten und einer Decke geschnürt und machte sich auf den Weg in die Berge. Ich fragte sie, wohin sie gehe. Wohin wir immer gehen, wenn Krieg ist, sagte sie. Wenn ein Kurde ein bisschen Geld gespart hat, investiert er es in Getreide. Dieses Jahr hat niemand Getreide angebaut – anstelle der Weizenfelder gibt es Minenfelder. Die kurdische Existenz ist nomadisch: Man isst im Stehen und hat seine Sachen jederzeit gepackt.

Ist die einzige Lösung des kurdischen Dilemmas ein unabhängiges Kurdistan?

Dazu wird es nicht kommen. So sehr ich froh bin, wenn Saddam gestürzt wird, so sehr weiß ich auch, dass die USA keine Ruhe geben, solange sie sich Vorteile erhoffen. Es ist wie mit Hollywoods Serien, „Der Pate“ oder „Batman“. „Spiderman“ kam ja heraus, als „Osama bin Laden, Teil 2“ gerade in Afghanistan über die Bühne ging. Und nun erhoffen sich die USA Erfolge von „ Saddam, Teil 3“.

Das heißt, der Golfkrieg 1991 hätte erst mit Saddams Sturz beendet werden dürfen?

Saddam hätte schon nach seinen ersten Morden das Handwerk gelegt werden müssen. Aber das Gegenteil ist geschehen: Er wurde in den 80er Jahren von der westlichen Welt, auch aus Deutschland und Frankreich, mit Waffen, sogar mit Giftgas versorgt. Anders wäre das Massaker von Halabja, bei dem 5000 Kurden ums Leben kamen, nicht möglich gewesen. Dass Amerika sich jetzt einmischt, hat mit eigenen Machtinteressen zu tun. Wir Kurden oder der Wunsch, einen Tyrannen zu stürzen, sind nur Vorwand: Saddams Macht ist zehnfach größer als damals.

Hoffen Sie denn, dass die Welt jetzt endlich auf die Kurden aufmerksam wird?

Nein. Dafür gab es in den letzten Jahrzehnten genügend Gelegenheit. In den Augen von uns Kurden ist Politik ein schmutziges Geschäft, da sind die Europäer nicht viel besser als die Amerikaner. Im Übrigen kann niemand voraussagen, was nach dem Krieg kommt: Mein nächster Film wird genau davon handeln. In einem kurdischen Dorf lebt ein Junge, der die Zukunft voraussagen kann – unvorstellbar in Kurdistan.

Sie sprechen von amerikanischen „Serien“ – und drehen Ihre eigene Serie. Ihr neuer Film „Marooned in Iraq“ spielt wieder an der iranisch-irakischen Grenze. Sie haben auch ihre Regiekollegen Abbas Kiarostami und Samira Makhmalbaf dazu ermuntert, in Kurdistan zu drehen. Glauben Sie, dass diese anderen Bilder, Bilder vom Überleben, wenn schon keine Macht, dann doch eine Wirkung haben?

Meine Serie setzt Bushs Bildern andere Close-ups entgegen, Nahaufnahmen von der Wirklichkeit. Aber machen wir uns nichts vor: Das wird die Welt nicht ändern. Vielleicht erfahren Sie in meinen Filmen etwas über die kurdische Kultur und über die einzigen Waffen, die wir besitzen: die Musik und den Humor. Unsere Lieder handeln oft von Frauen. „Hanareh“ heißt zum Beispiel das Lied in meinem Film: Das bedeutet Granatapfel und ist auch ein Frauenname. Auch Iran ist übrigens der Name einer Frau, ebenso ist Kurdistan weiblich.

Die jetzigen Bilder vom Krieg sind Wüstenbilder. In Ihren Filmen liegt Kurdistan hingegen im Schnee.

Ich liebe den Schnee. Als ich zur Welt kam, war es so kalt, dass meine Mutter in eine wärmere Gegend gebracht werden musste. Alle meine Erinnerungen an die Kriege in Kurdistan spielen im Winter. Auch als Filmemacher mag ich den Schnee lieber als die Schönheit des Frühlings: Seine weiße Farbe ist ein guter Kontrast zur Dunkelheit des Schmerzes. Hanareh, die Frau in meinem Film, ist ja ein Opfer der Giftgas-Angriffe. Aber ihre Tochter verkörpert die Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Für mich ist das auch die Hoffnung, eines Tages einfach „nur“ Filmemacher sein zu können und nicht mehr Botschafter meines Landes. Es ist eine Hoffnung wider besseres Wissen.

Das Gespräch führte Christiane Peitz.

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