Kultur : Komplizen im Verbergen: "Das Verbrechen der Olga Arbelina"

Karen Fuchs

Schon in seinen beiden ersten Romanen "Die Liebe am Fluß Amur" und "Das französische Testament" scheute sich Andrei Makine nicht vor Sentimentalitäten, wusste sie jedoch immer ironisch abzufangen.

In "Das Verbrechen der Olga Arbelina" ist ihm dieser Balanceakt nicht gelungen. Das liegt zunächst an der völlig verschachtelten Konstruktion. Er verknüpft das Schicksal der Hauptfigur Olga Arbelina mit einem Tableau russischer Auswanderung, vom dekadenten Bürgerleben der späten Zarenzeit bis zu dem Dahindämmern im Gastland Frankreich nach dem Zweiten Weltkrieg. Im Kern des Romans steht eine ungewöhnliche Liebesgeschichte: Der tödlich erkrankte, 14jährige Sohn von Olga Arbelina beginnt ein Verhältnis mit seiner Mutter. Als sei dieser Einfall nicht spannungsträchtig genug, verwickelte Makine seine Protagonistin zudem in einen spektakulären Todesfall. Anfänglich gibt er Spekulationen darüber, ob es ein Mord oder ein Unfall war, breiten Raum.

Dann vernachlässigt er das aufwendig inszenierte Spektakel vollkommen und reicht am Ende des Romans fast widerwillig die Aufklärung nach. Ähnlich ergeht es einer weiteren Rahmenhandlung, im Paris der Gegenwart angelegt, in der der Autor ein Panorama von Nebenfiguren einführt. Sie erlauben es Makine in Olga Arbelinas Vergangenheit zurück zu gehen und den großen historischen Bogen zu schlagen.

Doch die Rückblenden wirken wie addiert und tragen wenig zur Klärung des Dramas bei. Auch die Anekdoten aus der Emigrantenkolonie, in der Olga Arbelina mit ihrem Sohn lebt, bleiben ärgerlich funktionslos. Zwar gelingen Makine einige amüsante Szenen, die anschaulich das realitätsferne, statische Leben der Emigranten illustrieren. Er verbindet sie jedoch derart oberflächlich mit der Geschichte Olga Arbelinas, dass er den Erzählfluss zusätzlich bremst.

Selbst wenn man den Ballast beiseite lässt, den Makine seinem Roman aufbürdet, mag man mit dem Kern, der Geschichte des Inzestes, nicht glücklich werden. Hier hätte der Autor ein kleines Kammerspiel um die hermetische Beziehung zwischen Mutter und Sohn entfalten können. Beide haben sich ein Gerüst aus Rücksichtnahmen und Geheimnissen geschaffen, mit dem sie den Alltag zu bewältigen suchen. Während die Mutter stets besorgt dem Kind die Wahrheit über seine Gesundheit verbergen will, hat der Sohn sich mit seiner Krankheit längst auseinandergesetzt, ist, von der Mutter unbemerkt, erwachsen geworden.

Indem Makine den Sohn zugleich zum Opfer und Täter macht, kann er die Frage nach Schuld und Verantwortung neu stellen. Der Junge verabreicht seiner Mutter ein Schlafmittel, um sie nachts unbemerkt aufsuchen zu können. Als Olga seine List entdeckt, ist sie nicht imstande ihn zur Rede zu stellen. In einer Mischung aus Mitleid und heimlicher Lust lässt sie ihren Sohn gewähren, verliert dabei jedoch immer mehr die Kontrolle über sich selbst. Die Angst davor, entdeckt zu werden, die Schuldgefühle und der Genuss lähmen sie. Vor dem Hintergrund der tödlichen Krankheit vermag Makine diese ins erotische gewendete Fürsorge durchaus glaubwürdig zu machen.

Nachdem der Autor den inneren Konflikt der Mutter jedoch einmal dargelegt hat, stagniert die Erzählung. Der Sohn bleibt als Charakter nahezu gänzlich ausgespart, die Schilderung der Frauen- und Mutterrolle zu stark gängigen Klischees verhaftet. Mit bewusst gesetzten Wiederholungsschleifen will Makine das Unausweichliche des Verhältnisses, die immer tiefere Verstrickung deutlich machen. Er zerdehnt damit die wenig ereignisreiche Handlung und erstickt den Rest an Spannung. Eine überdeutliche, getragene Natursymbolik verleiht dem eigentlichen Verbrechen der Olga Arbelina zudem eine schwülstige Note, die besonders den erotischen Begegnungen nicht gut bekommt.

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