Kultur : Kompliziert bin ich selber

KERSTIN DECKER

"Lotte in Weimar" (1975)."Die Leiden des jungen Werther" (1978)."Lenz" (1991)...Mit den Nebenrollen-Goethes insgesamt fünf Goethefilme."Die Braut" ist sein sechster.Ist das ein Krankheitsbild? Jedenfalls muß man auf alles gefaßt sein.Und wenn er, Goethe selbst, einem plötzlich gegenüberstünde - bloß nichts anmerken lassen.Doch dann tritt gar nicht er, sondern Eckermann aus der Tür mit der Bemerkung, er hätte anstatt Goethe auch das Telefonbuch verfilmen können.Jeansjacke mit aufgeschlagenen Ärmeln.Der Mann soll über siebzig sein? Die Haare, kurz und grau, zeigen senkrecht nach oben.Goethe hätte ihn sicher aus der Stadt weisen lassen.Er schaut ja so umstürzlerisch aus.Eckermann, modern.

Aber Goethe und das Telefonbuch, sind das nicht ganz verschiedene Weisen, sagen wir, der Textverarbeitung? Richtig! Das sehe er, Egon Günther, genauso, deshalb habe er sich im Zweifelsfall auch immer für Goethe entschieden.Früher in der DDR.Eins sei beiden jedoch gemeinsam: Es handele sich um durchaus unpolitische Werke.Und das sei ungemein wichtig gewesen.Der DDR und Goethe war das Umstürzlertum nämlich von Herzen zuwider.

Aber Herr Günther, gibt es denn ein revolutionäreres Buch als den "Werther"? Egon Günther fällt so schnell keines ein.Und sein größtes, expressionistisches Stück sei es auch gewesen.Nur daß man in Egon Günthers "Werther"-Film damals die Weltverzweiflung über der Liebesverzweiflung fast nicht mehr spürte.Der Regisseur gibt es zu.Aber er wollte nun mal 1976 unbedingt einen dicken Werther.Vielleicht sei er ihm dann auch geistig zu rundlich geraten.

Dann kam die Zeit, als Günther weder auf Goethe noch Telefonbücher mehr Lust hatte.Seine umstürzlerischen Defa-Filme, darunter "Lots Weib" (1965), "Wenn du groß bist, lieber Adam" (1965) oder "Die Schlüssel" (1974) - "Mein bester!" - waren ohnehin verboten oder kaum geduldet.Es war auch die Zeit, als sein Sohn - halblaut, wie Siebzehnjährige das manchmal tun - darüber nachdachte, ob Ulbricht nicht ein ganz schön alter Knochen sei und eigentlich wegmüsse.Bautzen mit siebzehn für den Sohn! Und ihn, den Vater, schickten sie zwecks kinematographischer Entwicklungshilfe nach Afrika.Nee, habe er da gedacht, dann gehst du besser gleich in den Westen.

Jetzt, 1999, also zurück zu Goethe.Egon Günther ist älter geworden.Sowas macht radikal.Alles andere ist ein Mißverständnis der Frühvergreisten.Keine falschen Rundungen mehr! Er habe sich den neuen Film in Streifen vom Leib gerissen, sagt er.Man merkt es der "Braut" an.Da ist alles drin, Gier, Wahn, Gemeinheit, Liebe, aber nichts Pausbäckiges.Sogar Veronica Ferres ist nicht mehr lieblich.Ein Kollege rief ihn gerade an und meinte: Der Dietl hat die Ferres entdeckt, aber du hast sie vorgezeigt! Ja, er wisse genau, wann einer gut ist, "wann der Augenblick da ist, der Augenblick ...na, wie Winckelmann sagt: Es gibt nur einen Moment, wo die Skulptur schön ist." Und im Film, in jeder einzelnen Szene, sei das eben genauso.Auf diesen Moment müsse man warten.Nur daß die Wartezeit hier Arbeitszeit ist.Arbeitswarten.Veronica Ferres und Herbert Knaup konnten das.Weil ein Film doch zu sich selbst kommen muß.Hegel, verstehen Sie? Das Wagnis in Prozeß überführen! - Also das Abstrakte des Anfangs aufheben?, frage ich.- Genau, ruft Egon Günther, und wie abstrakt das alles gewesen sei am Anfang.Suchen Sie mal einen Goethe! Es gibt gar keinen.Und die Vulpius gibt es auch nicht.Überhaupt völlig aussichtlos, einen Goethefilm zu machen, und genau darum habe er es getan.

Aber insgesamt sechsmal, ist das nicht doch - krank? Nein, sagt Egon Günther sehr bestimmt, im Gegenteil, es ist Liebe.Also eine höhere Form der Krankheit.Jedesmal.Und die läßt sich nicht kühlen? - Keineswegs, antwortet Günther in jenem Ton, in dem man Geheimnisse mitteilt, denn Goethe werde immer wichtiger: "Es stimmt alles, was er sagt." Er habe vorausgeahnt, daß diese Zivilisation untergehen wird.Ein wahrhaft großer Mann! Günther sagt es mit aufrichtiger Begeisterung, und ich denke, daß Ernst Jünger und Carl Schmitt - all jene dunklen Denker vom "Nomos der Erde" her - vielleicht die letzten richtigen Goetheianer gewesen sind.Nur daß sie mit viel weniger Eros auskommen mußten.

Goethe und Christiane Vulpius.Egon Günther begreift es noch immer nicht.Er hat die letzten Jahre neben seiner Professur an der Babelsberger Filmhochschule nicht viel anderes gemacht, als über diese Verbindung nachzudenken.Weil es sich ja nur lohnt, über Dinge nachzudenken, die man doch nicht versteht.Der ideale Filmstoff! Ein Satz Thomas Manns fällt ihm ein: Er, Mann, habe einen teuflischen Respekt vor dem Knechtsstand.Das wäre es.Zumindest für Christianes Seite.Und die andere ist wohl Goethe, der all die Komplizierten (Frau von Stein!) nicht mehr ertrug mit der einsichtigen Begründung, kompliziert sei er selber.Sibylle Canonica als Frau Stein ist doch einfach göttlich hysterisch, nicht wahr? Ich finde Franziska Herold als Charlotte Lengefeld-Schiller in dieser Disziplin noch viel eindrucksvoller und verstehe plötzlich, warum Schiller soviele Dramen schrieb.

Günther ist schon wieder bei Goethe: "Scheiß Iphigenie! Ich kann ja gar nicht dichten!" Das soll Goethe gesagt haben.Und deshalb mußte er auch nebenbei Minister und so vieles andere werden.Als Ablenkung von sich selbst.Sagt Günther."Jemand tut etwas, um etwas Wichtigeres nicht tun zu müssen." Günther findet das interessant.

Goethe, der geniale Dilettant, der letzte Universalmensch also ein begnadeter Selbstablenker? Aber auf soviel Professionen wie Egon Günther hat er es denn doch nicht gebracht: Schlosser war Günther, technischer Zeichner, Lehrer, Dramaturg, Drehbuchautor, Romanautor, Dichter, Literaturwissenschaftler, Lektor und Regisseur.Und was davon ist er nun wirklich? - Ach, völlig egal, sagt Günther und breitet die Arme, als trüge er einen Bauchladen: Suchen Sie sich etwas aus! Aber es steckt doch eine merkwürdige Ökonomie darin: Der Regisseur Günther muß den Literaturwissenschaftler Günther, der alles über die Goethe-Vulpius-Symbiose weiß, natürlich wieder vergessen, wenn er einen Film macht.In jedem anderen Beruf wäre das Unfug.Hier ist es Methode.Weil Denken, Dichten und sogar Kino nur so entsteht: Das tausendmal Gewußte immer wieder vergessen, um es neu zu erschaffen.Daraus kommen die Winckelmann-Augenblicke!

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