Kultur : Komponist vor dem Kadi

Fazil Say soll den Islam beleidigt haben.

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Foto: AFP Foto: AFP
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Vor sieben Jahren stellte die Türkei ihren wichtigsten Schriftsteller, den Literaturnobelpreistrage Orhan Pamuk, vor Gericht, weil er angeblich das Türkentum beleidigt habe. Jetzt muss sich der wichtigste zeitgenössische Komponist und Pianist des Landes, Fazil Say, vor dem Richter verantworten, weil er den Islam herabwürdigt haben soll. Der Prozess gegen den 42-Jährigen, der 2010/11 Artist in Residence am Berliner Konzerthaus war, beginnt an diesem Donnerstag. Er bringt erneut die engen Grenzen der Meinungsfreiheit in der Türkei auf die Tagesordnung. Selbst Kritiker des streitbaren Musikers sprechen von einem Angriff auf demokratische Grundwerte.

Say hat nie eeinen Hehl daraus gemacht, dass ihm fromme Muslime auf die Nerven gehen und er die islamisch geprägte Regierung in Ankara nicht mag. Das fromme Kleinbürgertum Anatoliens, das die Stammwählerschaft von Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan bildet, ist ihm ebenfalls ein Graus. Im April twitterte er einige Kommentare, die er bei anderen Nutzern des Kurznachrichtendienstes gesehen hatte und witzig fand. Mit Blick auf den sehr eilig vorgetragenen Gebetsruf eines Muezzins fragte er, ob der fromme Mann wohl rasch zu Freundin oder Schnaps rennen wolle. Auch nahm er sich die „Bäche von Wein“ und die Jungfrauen vor, die der Koran den Gläubigen im Jenseits verspricht. Ob das Paradies eine Kneipe oder ein Bordell sei, fragte er.

Ein Bürger erstattete Anzeige; die Istanbuler Staatsanwaltschaft hält den Straftatbestand der religiösen Hetze für erfüllt und fordert eine Gefängnisstrafe von anderthalb Jahren. Say verteidigt sich mit dem Hinweis, er habe lediglich Kommentare anderer Nutzer als „Re-Tweet“ weitergeleitet. Außerdem seien die Äußerungen von der Meinungsfreiheit gedeckt. Das sehen auch andere so. Der Kolumnist Cüneyt Özdemir kommentierte, er zähle sich selbst zu den schärfsten Kritikern von Say – doch das spiele für den Prozess keine Rolle: „Diese Art von Gerichtsverfahren zieht unserer Demokratie den Boden weg.“ Im Internet haben fast 8000 Unterstützer eine Solidaritätsaktion unterzeichnet. Aus Berlin reist die Bundestagsabgeordnete Sevim Dagdelen (Linke) zum Prozessauftakt an. Und auch die EU kritisierte vergangene Woche, in der Türkei würden der Meinungsfreiheit immer engere Fesseln angelegt.

Erdogans Regierung zeigt jedoch wenig Neigung, dem Angeklagten beizuspringen. Für die Auslegung der Gesetze sei die Justiz zuständig, ließ Europaminister Egemen Bagis den Komponisten kühl wissen. Say, der von 1987 bis 1995 in Deutschland studierte, fühlt sich seit längerem in der Türkei ausgegrenzt. Er dachte schon an Auswanderung, sagt er – was dem Ministerpräsidenten keine schlaflosen Nächte bereiten dürfte. Erdogan lässt derzeit ein Gesetz ausarbeiten, mit dem er gegen Islamophobie vorgehen will. Auch die religiösen Überzeugungen von Christen und Juden sollen besser vor Beleidigungen geschützt werden. Der Raum für Meinungsfreiheit dürfte damit noch enger werden.Susanne Güsten

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