Kultur : Komponisten, Konzepte, Konfusionen

Vier Künstler suchen (k)einen Ausweg: Die Zeitgenössische Oper Berlin und der Rat für die Künste diskutieren die Opernmisere

Christine Lemke-Matwey

Vielleicht war Andreas Rochholl, der Künstlerische Leiter der Zeitgenössischen Oper Berlin, an diesem langen Abend in der Akademie der Künste („Berliner Opernstreit II“) einfach zu gut vorbereitet. Vielleicht ist er aber auch einfach kein Moderator. Eher einer, der aus eigener kulturpolitischer Betroffenheit heraus agiert (vergangenen Sommer erst plumpste die Zeitgenössische Oper aufgrund der Berliner Haushaltslage aus der attraktiven Konzeptförderung zurück in die weniger attraktive Basisförderung) – und der selber weiß, dass alles schon einmal dagewesen ist. Und so spannte sich der Bogen zu Beginn denkbar weit: von Otto Klemperers legendärer Kroll-Oper der Zwanzigerjahre („Wir wollen keine Prunk- und Rauschoper!“) bis hin zu den natürlichen Verflechtungen des Berliner Finanzsenators Thilo Sarazin mit der Deutschen Bahn AG, vom Wunschdenken auf der sprichwörtlichen grünen Musiktheaterwiese bis zu Details des herrschenden Gagensystems.

Allein, die auf dem Podium versammelten Damen und Herren Komponisten Adriana Hölszky, Olga Neuwirth, Peter Ruzicka und Hans Zender (und es macht ja durchaus Sinn, nicht immer nur die immergleichen Statements der immergleichen Politiker, Funktionäre und Manager zusammenzufegen, sondern einmal auch an die schöpferischen Quellen des Betriebes zu gehen!), sie kamen kaum miteinander ins Gespräch. Neuwirth, die Österreicherin, bezweifelte naturgemäß, dass der Holendersche „Zuckerguss“ der Deutschen Oper und also Berlin in irgendeiner Weise aufhelfen würde („Die Wiener Staatsoper ist ein Operettenhaus, und Österreich ist eine Farce – was soll da für Berlin übertragen werden?“). Hölszky plädierte mit leiser Stimme für die Verantwortung und die Persönlichkeit des Einzelnen. Und Zender brach Lanzen für die Tradition: für die Autonomie der drei Berliner Opernhäuser wie für mehr institutionalisierte Innovation, für Opernstudios als Brutkästen der Nachwuchspflege wie für die fein säuberliche Unterscheidung zwischen Ballett auf der einen und Tanztheater auf der anderen Seite. Generell aber gilt: „Musik ist das Beste, was den Menschen geschehen kann.“

Einzig Peter Ruzicka, Intendant der Münchner Biennale für neues Musiktheater wie der Salzburger Festspiele, empfahl sich als Retter aus der „Not“ – und präsentierte ausschweifend ein drittes oder viertes aktuelles Modell. Demnach wäre Berlin aus allem raus und gut bedient, wenn der Bund die im Opernetat zu kürzenden 30 Millionen Euro übernähme, und man die drei Opernhäuser unter einer gemeinsamen künstlerischen Leitung in eine Holding überführte (nach dem Vorbild des österreichischen Bundestheaterverbandes). Eine Spielstätte wäre dann laut Ruzicka fürs Repertoire von Mozart bis Wolfgang Rihm zuständig, eine würde wie einst die Kroll-Oper und also im Stagione-Verfahren auf aktuelle Entwicklungen reagieren, und die dritte hätte, kammerartig, die Bedürfnisse der so genannten kleineren Formen zu befriedigen. Alles klar?

Pflichtschuldigst und reichlich unverbindlich zappte sich das Podium dann noch durch diverse Intendantenmodelle, die Untiefen des Repertoiresystems, die Orchesterfrage und den internationalen Vergleich. „Berlin weiß nicht, was es will. Wien ist wenigstens konservativ“, konstatierte Olga Neuwirth gegen Ende. Und der Elfenbeinturm, er lebe hoch.

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