Komponisten : Mit den Ohren sieht man besser

Der Berliner Komponist Martin Daske macht aus Noten Skulpturen. Aber wie spielt man seine "Folianten"?

Carmen Gräf
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Skulptur für die Ohren. Martin Daske mit einem von ihm „komponierten“ Foliant, der Musikern als Notenmedium dient. Foto: Uwe...

Es begann mit einem Schnittmuster, das Martin Daske mit zwanzig zufällig in einer Zeitschrift entdeckt hatte. „Ich erkannte darin sofort eine Partitur“, erinnert sich der 46-jährige Berliner Komponist. Und so stieß er auf das Grundgerüst für seine erste grafische Notation für Inside-Piano, bei dem der Pianist ins Innere des Flügels hineingreift und die Saiten direkt anspielt.

Entlang der Schnittlinien legte er fest, was zu spielen war und erfand dafür verschiedene Symbole. Da steht zum Beispiel: „__ = mit Bürste streichen“ oder „~ = mit Paukenschlegel schlagen“. Martin Daske war gerade aus den USA zurückgekehrt, wo er bei einem Schüler von John Cage studiert hatte. Weitere Studienjahre bei Boguslaw Schaeffer in Krakau und Salzburg sollten noch folgen. Gewagte Tonfolgen, extreme Rhythmen und kühne Dissonanzen schwirrten in seinem Kopf herum und verlangten, zu Papier gebracht zu werden.

Doch Papier ist flach und schweigsam. Irgendwann reichte es ihm nicht mehr aus als Trägermedium seiner Ideen, und so schaute sich Daske Mitte der achtziger Jahre nach anderen Materialien um. Etwa Holz, Metall und Plexiglas – die „Folianten“ waren geboren: dreidimensionale Gebilde, die auf den ersten Blick wie Skulpturen aussehen, jedoch als Partituren gedacht sind. „Jeder Foliant ist ein Unikat und für ein bestimmtes Instrument komponiert. 35 habe ich davon inzwischen konstruiert“, erzählt Daske. Der Grundaufbau der Folianten besteht aus einer runden Scheibe, auf der bestimmte Gebilde arrangiert sind, deren einzelne Elemente sich als Noten (in Dauer und Tonhöhe variierend), als Klangfarbe, Artikulation und Ausdruck entschlüsseln lassen.

Martin Daske trifft sich im Café Rubens am Mehringdamm mit dem Flötisten Daniel Agi. Auf dem Tisch steht „Foliant Nr. 8 für Flöte“. Und Daske erläutert: „Wenn du die Scheibe drehst, ist es, als ob du in einer Partiur blätterst“. Agi ist fasziniert und er stellt jede Menge Fragen nach Möglichkeiten der Interpretation, doch der Komponist winkt ab: „Ich lasse viel Freiraum, solange die Musiker mit den Folianten respektvoll umgehen und das haben die meisten bisher getan.“

25 Folianten wurden inzwischen in ganz Europa interpretiert. Agi wird nun einen weiteren im BKA-Theater im Rahmen der Konzertreihe „Unerhörte Musik“ aufführen. Rund drei Monate hatte er schon Zeit, sich mit der Partitur zu befassen, bevor er sie erstmals Ende April in Bonn und danach in Köln und München gespielt hat. „Es war zunächst schwierig für mich“, berichtet er, „weil ich das Gefühl hatte, dass ich viel mehr für das Ergebnis verantwortlich bin, als wenn ich ein Stück nach traditioneller Notation aufgeführt hätte.“ Er habe sich deshalb erst einmal hingesetzt und aufgeschrieben, was er sah: 42 Perlen, 8 Plexiglasfiguren, 6 Farbfolien. „Im nächsten Schritt habe ich überlegt, was das alles bedeuten und wie es zusammenpassen könnte“, fährt Agi fort. Kann eine Perle etwa eine einzige Note ausdrücken oder heißt eine Perle, nicht zu spielen? Ist die Breite der Folien ein Symbol für die Lautstärke? Dreht man den Folianten von links nach rechts oder umgekehrt? Er habe sich Regeln gesetzt und diese auch „streng befolgt“.

„Regeln kann man jederzeit wieder verwerfen und durch neue Regeln ersetzen“, meint der Flötist Klaus Schöpp vom Berliner Modern Art Sextet. Er hat bereits vor drei Jahren einen Folianten gespielt. „Das ist für mich der Unterschied zur klassischen Notation, wo man sich ein Stück erarbeitet, indem man es wieder und wieder übt. Einen Folianten muss man dagegen nicht üben, sondern ständig neu lesen.“ Man hätte seine Komplexität nicht verstanden, würde man es immer auf dieselbe Art versuchen.

Die Irritation unter klassisch ausgebildeten Musikern ist daher groß. Der Nürnberger Hornist Wilfried Krüger, der vor wenigen Wochen einen Folianten in Berlin spielte, bestätigt das: „Es ist eine große Freiheit, die man als Künstler zu begreifen hat.“ Er war dreißig Jahre lang Solist bei den Nürnberger Symphonikern, da wurde so etwas nicht erwartet. Durch das Studium der Folianten sei Krüger, sagt er, ein „ganz anderer Musiker“ geworden.

Da Folianten zunächst eine abstrakte Konstruktion sind, eröffnen sie ihren Interpreten so viele vage Zugänge, dass man sich fragt, wo die Grenze der Komposition liegen.

Ein Foliant ist gedachte Musik, die sich auch in eine konventionelle Notenschrift übersetzen ließe, so der Komponist. Aber was wäre gewonnen? Wenig im Vergleich zu dem Verlust an Klangpotenzial, das eine Beschäftigung mit etwas so wenig Einengendem freisetzt. Eine objektive Lesart gebe es jedenfalls nicht, sagt Daske. Denn wie ein Foliant gespielt wird, verändere sich schon durch Blickwinkel, Lichteinfall, Schattenwurf. So sind die Musiker bei jeder Aufführung aufs Neue gefordert, eine eigene Klangsprache für das zu finden, was sie sehen.

„Wenn man die Finger laufen lässt“, gesteht der Flötist Klaus Schöpp, „dann finden diese die Griffe, die ihnen liegen.“ Ein Foliant fordere den Musiker regelrecht dazu heraus, diese abgespeicherten Muster aufzubrechen. „Zwölftönig zu improvisieren“, sagt Schöpp, „ist richtig unangenehm.“ So wie der Flötist den Folianten interpretiert hat, klingt er atonal bis mikrotonal, mit vielen extremen Lautstärke-Gegensätzen und immerwährenden Variationen von Tönen, die leichtfüßig mäandern, furiose Salti schlagen und sich am Schluss wie Nebelschwaden auflösen.

7 Minuten und 13 Sekunden, die wohl auch Christian Wolff, Eminenz der amerikanischen Musikavantgarde, gefallen würden. Für ihn werfen die Folianten Fragen auf wie: „Was ist die Beziehung zwischen der Dauerhaftigkeit eines Objekts und der Flüchtigkeit von Musik? Können die musikalischen Implikationen dieser Werke so etwas wie eine musikalische Seele entstehen lassen, „sie sozusagen entstarren, entdinglichen“?

Martin Daske sieht die Grenzen zwischen Visuellem und Akustischem ohnehin in Auflösung begriffen. Bei sehr vielen modernen Künstlern findet er Hinweise auf Musik: in den Skulpturen von Joan Miró oder Jean Tinguely etwa. Mit seinen Folianten soll man nicht nur spielen können. Man soll sie spielen.

Daniel Agi tritt mit „Foliant Nr. 8 für Flöte“ am 26. Mai im Rahmen der „Unerhörten Musik“ im BKA-Theater auf (Mehringdamm 34. Kreuzberg), 20 Uhr 30, sowie am 29. Mai im Salon der Villa Weigert (Birkenwerder) auf.

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