Konferenzbericht : Opernzeichen XY ungelöst

Fusion heißt das Gespenst, das nicht weichen will. Christine Lemke-Matwey über eine Berliner "Opernkonferenz".

Nepper, Schlepper, Bauernfänger: Ein altes Gespenst geht um in der Stadt. Sät Heimtücke und Habgier in den Herzen, droht mit Hungertuch und Bettelstab, wetzt Messer an unschuldigen Kehlen, würgt, stapelt hoch, lügt, betrügt, haut übers Ohr, nach allen Regeln der menschlichen Niedertracht und Kunst – und macht am Ende, weil’s offenbar mal wieder an der Zeit ist, aus drei Berliner Opernhäusern zwei. Fusion heißt das Gespenst, von dem man eigentlich dachte, die Opernstiftung (die ihrerseits nicht ungespenstische Züge trägt) hätte es längst zukunftsweisend um die Ecke gebracht.

Sachdienliche Hinweise in dieser brutalen Angelegenheit kamen anlässlich einer Berliner „Opernkonferenz“ im Radialsystem nun auch aus Wien. Da hockt auf einer Hühnerleiter die in Ehren ergraute Crème internationaler Operngurus (Gérard Mortier aus Paris, Klaus Zehelein aus München, Jürgen Flimm – noch – aus Salzburg), um betroffenen Berliner Kollegen (Kirsten Harms, Andreas Homoki) und politisch Tätigen (Barbara Kisseler, Alice Ströver, Monika Grütters) ein Lichtlein aufzustecken – und aus knisternden Lautsprechern über ihren Köpfen spricht minutenlang, Grüßgott nach Wien, Roland Geyer. Darüber dass das von ihm erfolgreich geleitete, rein städtische Theater an der Wien kein eigenes Orchester und keinen eigenen Chor beschäftige und der Vergleich mit der Berliner Situation insofern ein kleines bisserl hinke.

Zu diesem Zeitpunkt ahnt niemand, dass auch der zweite Teil der Veranstaltung hält, was der erste verspricht: die totale Ergebnisneutralität. Mortier rächt sich, indem er die Stiftung „absolut nützlos“ findet, Kirsten Harms erklärt die Deutsche Oper zum „Mahnmal West“, Ex-Stiftungsgeneraldirektor Stefan Rosinski prognostiziert, dass alle drei Opernhäuser spätestens 2020 pleite sind, Zehelein beschwört ein europäisches Zentrum für neues Musiktheater herauf, Monika Grütters (Bundes-CDU) wünscht sich einen Stiftungsrat ohne die Herren Wowereit und Sarrazin, Senatskanzlei-Chefin Kisseler fragt sich, was sie von dieser Diskussion bloß mit nach Hause nehmen soll, Frau Ströver von Bündnis 90 / Die Grünen fordert, huch, den starken Mann, und Homoki schwärmt ewig hemdsärmelig von der Erotik einer Dreierbeziehung.

Eitle Indizien also – und keine Fakten. Oder nur am Rande. So verspricht Kisseler, dass im Konjunkturpaket zur Bewältigung der Wirtschaftskrise auch ein Etatpöstchen zur Übernahme der Tarifsteigerungen enthalten sein soll. Außerdem sind offenbar die Tage des neuen Stiftungsdirektors Peter F. Raddatz gezählt, bevor dieser überhaupt angetreten ist. Die Stiftung als Instrument, so Kisseler, habe sicher keinen „Ewigkeitswert“. Haltbarkeit: geschätzte fünf Jahre noch.

Ach ja. Wie pflegte schon Eduard „Ede“ Zimmermann in solchen Fällen die Fernsehnation zu fragen: „Wer hat diesen Topflappen schon einmal gesehen?“

0 Kommentare

Neuester Kommentar