Kultur : "Kontinentaltrift": Zum Teufel mit den Mythen

Peter Urban-Halle

Vom derzeitigen Erfolg der skandinavischen Literatur profitieren auch die Isländer - nicht nur literarisch, sondern auch touristisch. Island hat Konjunktur als Reiseland, die Presse ist hervorragend. Henryk M. Broders Hymne vor Monatsfrist im "Spiegel" dürfte der Insel auch die journalistischen Weihen gegeben haben. Island lebt von seinen Mythen: Wer da hinfliegt, ist ein unbeirrbarer Fan. Immerhin hat sich Reykjavik, das im Jahr 2000 zu den neun europäischen Kulturstädten gehört, zu einer quirligen Metropole entwickelt.

Nun sind die Isländer nach Berlin gekommen: Alle acht Gäste der heute beginnenden Veranstaltungsreihe "Kontinentaltrift" in der Literaturwerkstatt sind in der großen Anthologie "Wortlaut Island" vertreten, die 71 Autoren versammelt (edition die horen, 39,80 Mark).

Gottlob ist das Land kein so großer Mythenpfuhl, wie man nach der Lektüre diverser Reportagen denken mag. Oft genug freilich hauen auch einheimische Intellektuelle in diese Kerbe. Matthias Johannessen, Chefredakteur der größten Tageszeitung "Morgungbladid", schreibt zur isländischen Identität: "Dieses Land fließt in unserm Blut, es ist unser Blut, und dieses Land ist anders." Da fragt man sich, welches Land nicht "anders" ist, und die Saga vom Blut ist ohnehin so eine Sache.

Vor allem die Literatur gibt den Mythensuchern kontra. Zwar wirkt die Tradition bis heute nach, vor zwei Jahren meinte der junge Kritiker Thröstur Helgason sogar: "Die Sagas kehren zurück". Doch das trifft vor allem auf Einar Karason und seine vitalistischen Romane zu, in denen trinkfeste Haudegen und lebenslustige Mädels zum Inventar gehören. Zugleich hat die isländische Literatur seit Jahrzehnten "internationale" Bücher vorzuweisen: Jeder gute Autor war auch im Ausland, von wo er Einflüsse und Erfahrungen mitbrachte.

Im Tagebuchroman "Nach Island!" des 43-jährigen Gudmundur Andri Thorsson (Übersetzung: Helmut Lugmayr, Klett-Cotta, 36 Mark) macht sich vor hundert Jahren ein junger Engländer in die Heimat seiner verstorbenen isländischen Mutter auf. Er ist voll pathetischer Erwartungen, aber die Reise wird zum "Inferno"; er wird mit verwahrlosten, gewalttätigen und mitleidlosen Menschen konfrontiert. Es ist ein Buch der Ernüchterung, das sich wunderbar steigert und seinen dramatischen Höhepunkt in einem Geständnis hat, das den Schwärmer vollends aus der Bahn wirft.

Auch das Debüt "Jener Sommer in Island" der 46-jährigen Elin Ebba Gunnarsdóttir (Übersetzung: Karl-Ludwig Wetzig, Suhrkamp, 16,90 Mark) ist ein Buch der Ernüchterung. Aber während bei Thorsson weltfremde Vorstellung und entwaffnende Wirklichkeit einen Disput führen, ist die Lage in den zwölf Episoden fast selbstverständlich: im Grunde banale Berichte, die aber von ewigen Tragödien mit selbstherrlichen Pfarrern, verängstigten Mädchen und senilen Alten erzählen. Auch hier Ernüchterung und Depression überall. Aber die Autorin urteilt nicht. "Die Leute hier geben spät auf, dachte die Schriftstellerin", sie sind zäh - und ebenso unfreundlich und grob wie die Natur.

Der Wald ist meine Seele

Vor zwei Jahren hieß es bei Hanser: "Die Isländer kommen!" Jetzt triumphiert der Steidl Verlag: "Die Isländer sind da!" Der neue Roman "Liebe im Versteck der Seele" des 68-jährigen Gudbergur Bergsson (Übersetzung: Hans Brückner, Steidl, 38 Mark) ist eine große skeptische Abhandlung.

Ein Kunstlehrer erbt von seinem Jugendfreund ein Vermögen und - dessen Liebhaber, einen Matrosen. Kein Wunder, dass beider Auffassungen über Leben und Liebe, Gesellschaft und Moral, Männer und Frauen (beide sind verheiratet) nicht gerade übereinstimmen.

So beginnt der gebildete Beamte ein Tagebuch, dem er das Hin und Her seines Seelenzustands anvertraut. Leider hat Bergsson dabei das Erzählen vergessen, es bleibt eine Abhandlung, deren Gedankengänge stellenweise verwickelt, schlicht unlesbar sind, zumindest in der Übersetzung. Da müssen "die Träume der Menschen eine Erkundung der Leere der Tiefe sein", oder die "Vernunft weicht einer Leidenschaft, die derjenigen glich, welche bewirkt, daß das Gras nach Wasser dürstet, ohne zu wissen, woher der Durst kommt". Der Ich-Erzähler lauscht den Monologen seines Jugendfreundes so "hypnotisiert wie verständnislos" - genauso liest man diesen Liebes-, Alters-, Homo-, Reflexions- und Thesentext.

Die 47-jährige Vigdis Grimsdóttir erzählt in "Das Mädchen im Wald" (Übersetzung: Andreas Vollmer, Steidl, 38 Mark) von einer Frau mittleren Alters, die von einer schönen, traurigen Unbekannten zum Kaffee eingeladen wird. All ihre Gefühle projiziert die Eingeladene in die Bäume eines imaginären Waldes.

Island-Fans haben also Lesestoff genug - wenn sie nicht lieber bei ihren liebgewordenen Mythen bleiben. Denn eins haben diese Bücher alle gemeinsam: Sie rütteln am Bild der schönen Urwüchsigkeit, das wir uns von der Insel im Nordmeer machen.

Die isländischen Literaturtage in der Berliner Literaturwerkstatt beginnen heute um 20 Uhr mit Gudbergur Bergsson und Gudrún Eva Minervudóttir. Am Freitag kann man Vigdis Grimsdóttir und Kristin Omarsdóttir erleben. Am 7. November treten unter dem Motto "Sounds und Szene" Megas und Sjón auf, am 8. November lesen Sigurdur Gudmundsson und Hallgrimur Helgason. Das Arsenal Kino zeigt vom 10. bis 16. Januar Literaturverfilmungen aus Island. Am 20. November liest Thor Viljalmsson, ein Wegbereiter des isländischen Modernismus, im Felleshus der Nordischen Botschaften.

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