Kultur : Kontrast statt Klitterung

ULF MEYER

Die Gegend um die Oranienburger Straße droht zum Opfer ihres eigenen Erfolgs zu werden.Viele der Neubauten sonnen sich in der kreativen jungen Szene im Scheunenviertel, ohne selbst einen Beitrag zu leisten.Zur Aufwertung der Straße trägt das neue "Medienhaus" bei, das die Architekten Braun und Voigt aus Frankfurt am Main an der Einmündung der Tucholskystraße planten.Zum Glück ist es kein banaler Glitzerpalast geworden.Der Altbau auf dem Eckgrundstück, den Carl Schwatlo 1867 entwarf, wurde um die Jahrhundertwende umfassend umgebaut, um in dem ehemaligen Wohnhaus Platz für den Einzelhandel zu schaffen.Es ist eines der ältesten erhaltenen Häuser der Spandauer Vorstadt.Weil die Decke des Hochparterres dafür gesenkt wurde, entstanden ungewöhnliche hohe, angenehme Räume im Erdgeschoß.Beide Nachbargebäude wurden im Krieg zerstört.

In die Baulücken fügten die Architekten bei der Renovierung des denkmalgeschützten Eckhauses schmale Neubauten ein.Der L-förmige Altbau wurde also in beiden Richtungen verlängert.Dabei kam es darauf an, zwischen den beiden unterschiedlichen städtebaulichen Maßstäben der schmalen Tucholskystraße und der höher bebauten Oranienburger Straße zu vermitteln.Den sensiblen Umgang mit Denkmälern haben die Architekten schon vor Jahren beim Umbau der Alten Oper in Frankfurt bewiesen.Ebenso wie dort sah ihr Konzept auch in Berlin vor, Geschichtsklitterung - wie sie an vielen Stellen in Berlin grassiert - zu vermeiden und statt dessen den Kontrast zwischen Alt und Neu zu betonen.



Die prominente Referenz mag den Bauherren darin bestärkt haben, sich bei einem Mini-Wettbewerb im Jahr 1996 gegen die Berliner Konkurrenz des Büros Kny und Weber zu entscheiden.Nur gut zwei Jahre lagen zwischen Planungsbeginn und Fertigstellung.Das Projekt wurde vom Büro Braun und Voigt, das mit rund sechzig Mitarbeitern bundesweit Projekte aller Art betreut, in der Hauptstelle in Frankfurt bearbeitet, obwohl die Planer auch eine Filiale in Berlin unterhalten.Braun und Voigt wurden zwischenzeitlich auch mit dem Umbau des gegenüberliegenden Postfuhramtes zur Hauptstadt-Repräsentanz der Post AG beauftragt.

Die hohe Halle im Altbau an der Straßenecke reservierten die Entwerfer für die Gastronomie.Obwohl - oder gerade weil - sich in der Oranienburger Straße ein Lokal ans andere reiht, fand sich jedoch bisher noch kein Wirt, der sich zutraut, das Lokal mit 500 Plätzen in Erd- und Galeriegeschoß zu betreiben.Mehr Glück hatte der Bauherr bei dem kleineren Restaurant in der Tucholskystraße, das kürzlich eröffnet wurde.Neben der Gastronomie wurden im Altbau und einem der beiden Neubauten Büroflächen eingerichtet.Wie der Name suggeriert, war das "Medienhaus" ursprünglich für junge Unternehmer aus der Medienbranche konzipiert.Bisher fanden sich jedoch nur Bau- und Anwaltsbüros als Mieter.Der Name wird sich deshalb vielleicht noch einmal ändern.Im Altbau haben die Architekten liebevoll alte Fresken und Balken freigelegt.Ein neuer Glasfahrstuhl erschließt die Gewerbeflächen.Die unterschiedlichen Geschoßhöhen zwischen Alt- und Neubauten, die mit Niveausprüngen aufgefangen werden müssen, tragen jedoch dazu bei, daß die Grundrisse bisweilen etwas verbaut wirken, was bei einem solchen Konglomerat schwerlich zu vermeiden ist.Durchgehend edle und geschmackvolle Materialien kompensieren diesen Eindruck zum Teil.Mit einem aufwendigen Autofahrstuhl und Parkpaletten wurde im Keller Platz für die unverzichtbaren Autos geschaffen.

Um eine drohende gentrification im Kiez zu verhindern, war jedoch auch ein Wohnanteil von 50 Prozent der Flächen Vorgabe.Immerhin 19 kleine Wohnungen wurden deshalb in den Häusern untergebracht.Sie sind zum Hof oder zur Straße orientiert und haben durchgehend innenliegende Bäder und Küchen - nur für Singles geeignet.In den Hof haben die Architekten eine Brandwandbebauung "hineinkomponiert", die sich mit einer langen "Himmelsleiter" aus Metall als Fluchtweg bis in den hintersten Winkel schiebt.Die Nebenräume der beiden Gaststätten zeigen sich im kleinen Hof in geschwungenen Räumen, die mit Zinkblech verkleidet wurden und dazu beitragen, daß der Hof etwas overdesigned wirkt.Die Dächer wurden begrünt.

Während die städtebauliche Einfügung deutlich auf Kosten der Grundrisse ging, haben die Architekten mit Aluminiumprofilen Putzflächen, abgehängten Balkonen, hölzernen Sonnenschutzelementen und Lamellen gut gegliederte Glasfassaden entwickelt, die in ihrer Ästhetik an Steven Holl erinnern.Die Vertracktheit der Grundrisse wird in den Fassaden voll sichtbar und gibt ihnen ein unaufdringliches, belebtes Spiel.

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