Kultur : "Kontrolle der Köpfe"

Nenad Popovic, Verleger und Publizist in Zagreb / Kroatien wird mit dem "Anerkennungspreis zur europäischen Verständigung" auf der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet.Den Hauptpreis erhält der Hitler-Biograph Eric Hobsbawm.Caroline Fetscher befragte Popovic zur Lage auf dem Balkan.

TAGESSPIEGEL: Die NATO greift auf dem Balkan ein.Was kann das bringen?

POPOVIC: Ich habe Hoffnung.Die Angriffe, hoffe ich, werden Kosovo von der Repression befreien.Wichtig ist, daß die serbische Bevölkerung begreift, daß nicht sie attackiert wird, sondern ein Regime.

TAGESSPIEGEL: Wird sie das begreifen?

POPOVIC: Leider funktioniert die Kontrolle über die Köpfe auf dem Weg über die Massenmedien.Propaganda-Fernsehen dringt bis in die hintersten Winkel des Landes vor, es beeinflußt enorm und verbreitet zugleich politische Lähmung, politische Apathie.Was darunter lagert, als Nationalismen und Rassismen, das hat paradoxe und komplexe Ursprünge.

TAGESSPIEGEL: Was will Milosevic?

POPOVIC: Zerstören.Serbien, Belgrad, sich selbst.Viele Intellektuelle in allen Teilen Ex-Jugoslawiens sehen das in illusionsloser Klarheit.

TAGESSPIEGEL: Welche Intellektuellen zum Beispiel?

POPOVIC: Meine Solidarität und die des PEN-Clubs gilt in diesem Augenblick Kollegen wie Veton Sourroi, dem Chefredakteur der unabhängigen kosovo-albanischen Tageszeitung "Kolna Editore".Er hatte den Mut, von Rambouillet zurück nach Belgrad zu reisen, obwohl er wußte, was ihn dort erwartet.Ich denke auch an Veran Matic, Chef des Radiosenders B 92, der vorgestern nacht von einem Dutzend Polizisten stundenlang verhört wurde.Den Sender hat Milosevic jetzt verboten.

TAGESSPIEGEL: Spielen sich die Kämpfe auch über die Medien ab?

POPOVIC: Ja, Leute wie diese beiden oder Viktor Ivancic, Herausgeber des kroatischen Wochenmagazins "Feral Tribune" oder Fenad Pecanin, der in Sarajevo die Zeitung "Dani" herausgibt, sind unsere Hoffnung in Ex-Jugoslawien.Die unabhängige Presse ist Ziel Nummer 1 von Milosevic.Die "Albaner" sind, das sieht man daran, nur ein Symbol.Was er am meisten fürchtet, ist Freiheit.

TAGESSPIEGEL: Durfte die NATO ohne UNO-Mandat eingreifen?

POPOVIC: Seit der Tragödie in Bosnien traue der UNO nichts, aber auch gar nichts zu.Einem UNO-Funktionär würde ich noch nicht einmal eine halbe Stunde mein Auto leihen.Es mußte gehandelt werden.Die Geschichte zeigt zu viele Beispiele, in denen zu spät eingegriffen wurde gegen totalitäre Regimes.Wir müssen daraus lernen.

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