Kultur : Kontrollierter Augenblick

Christian Huther

Der eine Geschichtenerzähler hat zum Abschied einen anderen Geschichtenerzähler eingeladen: Doch während der zum Jahresende ausscheidende Frankfurter Museumsdirektor Jean-Christophe Ammann ebenso hemdsärmelig wie anschaulich über Kunst spricht, ergeht sich der kanadische Fotokünstler Jeff Wall nur in verrätselten Anspielungen, Zitaten und Erinnerungsfetzen. Dennoch dürfte es kein Zufall sein, dass der 55-jährige Wall im Zentrum des "Szenenwechsels 20" steht, jener halbjährlichen Präsentation von Neuerwerbungen, Leihgaben und Umgruppierungen des Museums für Moderne Kunst.

Ammann bezeichnet Wall als "ersten Künstler, der die Prinzipien der Malerei des 19. und 20. Jahrhunderts in die Fotografie übertragen" habe. Also eine dem Gegenwartsmuseum entsprechende Kunstform, die Ammann seit seinem Amtsantritt 1989 ohnehin gepflegt hat. Und Ammann illustriert seine These vom "Maler mit der Kamera" an 34 zwischen 1986 und 2000 entstandenen Fotoarbeiten von Wall, die auch über das benachbarte ehemalige Hauptzollamt verstreut sind, das neuerdings vom Museum genutzt wird.

Der mehrfach an der Kasseler "documenta" beteiligte Künstler stellt monumentale Cibachrome-Dias in neonhelle Leuchtkästen. In seinen meist in der Totale aufgenommenen Bildern tauchen Figuren in Innen- oder Außenräumen auf, zuweilen sind die Orte auch gespenstisch menschenleer. Sein Atelier beispielsweise, das Wall ausräumte, bevor er esfotografierte. Oder der asketische Pavillon von Mies van der Rohe in Barcelona, den Wall am Morgen beim Putzen fotografierte: Nichts steht mehr an seinem Platz, die Stühle sind verrückt, der Fußboden ist schmutzig und der Teppich verrutscht.

Doch Walls Aufnahmen sind keine Schnappschüsse, auch wenn sie oft so wirken. "Das Vertrauen auf unmittelbare Spontaneität verwässert den Bildgehalt", meint Wall. Mit dem viel zitierten "entscheidenden Augenblick" des Fotografen Henri Cartier-Bresson will er nichts zu tun haben. Wall, der auch Kunsthistoriker ist, geht nicht mit der Kamera spazieren; er sammelt Eindrücke, Erinnerungen und Zitate aus Kunstwerken, die er oft erst Jahre später verwendet.

Walls Kunstzitate sind etwas für Kenner: Aus dem "Alten Gefängnis" (1987), einem Landschaftsbild mit Flussbecken und angrenzender Industrie, schält sich eine kleine einsame Rückenfigur hervor, wie sie Caspar David Friedrich gemalt hat. Nur ist Friedrichs Romantik zur zersiedelten Industriewüste geworden. Oder "Tattoos and Shadows" (2000) mit drei Menschen in einem Garten. Wall aktualisiert hier Edouard Manets berühmtes Bild "Das Frühstück im Grünen" (1863), das sich seinerseits auf Gemälde von Tizian und Raffael bezieht. Doch Manets nackte junge Frau zwischen zwei Männern übernahm Wall nicht, er postierte eine biedere liegende Frau als Außenseiterin zwischen zwei tätowierte Leute. So wird Wall auch thematisch wie Manet zum "Maler des modernen Lebens".

Seine Bilder wirken im ersten Moment koloristisch brillant, aber belanglos, ähnlich wie die verführerischen Leuchtkästen der Werbewelt. Nur stückweise geben die Fotos ihre Botschaft preis. Sie fragen nach der Wahrheit, bleiben gleichwohl in Rätseln stecken. Vielleicht ist es das, was den Geschichtenerzähler Ammann am Geschichtenerzähler Wall reizt.

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