Kultur : Kontrollzwang

Was den Hauptstadtkulturfonds bedroht / Von Adrienne Goehler

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Neue Gremien für den Hauptstadtkulturfonds stärken den Einfluss der Politik auf die Vergabe der Mittel. Adrienne Goehler, Kuratorin des Fonds, antwortet Kulturstaatsministerin Christina Weiss, die im Tagesspiegel vom 6. Mai die Reform der Vergabepraxis verteidigt hat.

Christina Weiss hat Behauptungen zum Hauptstadtkulturfonds aufgestellt, die ich nicht unwidersprochen lassen möchte. Wenig einleuchtend finde ich die Behauptung von der mangelnden Transparenz der bisherigen Konstruktion: Während im bis zum 9.12.2003 gültigen Hauptstadtkulturvertrag detailliert beschrieben ist, wer welche Aufgaben hat, gibt es im neuen Vertrag einen einzigen Paragraphen, der sagt, dass der Ausschuss der vier Politiker einen Hauptstadtkulturfonds einrichten kann. Es gibt also keine Selbstverpflichtung der Politik mehr: Dies halte ich für die größte Bedrohung des Hauptstadtkulturfonds.

Mir ist weder aus der Zeit als Senatorin, in der ich Vorsitzende der Kommission war, noch in meiner Zeit als Kuratorin ein „Problem“ in Erinnerung, das eine „saubere“ Konstruktion erfordert hätte. Die Ausstellung zur RAF markiert den Beginn einer neuen Phase. Ab da saß die Opposition im Bundestag gedanklich gewissermaßen mit am Tisch.

Die Aussage von Christina Weiss, dass es im inhaltlichen Bereich sehr schwer gewesen sei, dem Beirat große Projekte nahe zu bringen, ist, freundlich gesagt, nicht nachvollziehbar. Mit Mitteln des Hauptstadtkulturfonds gab es nicht nur Übernahmen von großen Ausstellungen wie „Himmelssöhne“ oder „Die Azteken“, die jeweils die größten Fördersummen erhalten haben, sondern auch Kooperationsprojekte und eigens für Berlin entwickelte Ausstellungen von Künstlerinnen wie Louise Bourgeois, Katharina Sieverding und Sophie Calle. Allerdings wurde vom Beirat, aus künstlerischen und inhaltlichen Erwägungen, nicht jeder Antrag der Berliner Festspiele für den Gropiusbau befürwortet, sondern wir haben darauf aufmerksam gemacht, dass viele interessante Ausstellungen nach wie vor an Berlin vorbeigehen. Deshalb haben wir einen „Feuerwehrtopf“ vorgeschlagen, um zeitnah auf laufende Ausstellungen reagieren zu können.

Was die von der Kulturstaatsministerin erwähnte Forderung nach meiner „Festanstellung“ mit eigenem Büro angeht, möchte ich festhalten: Kein Fonds, keine Stiftung kommt mit so geringen Verwaltungskosten aus. Kuratorin und Fachjury verbrauchen weniger als ein (!) Prozent der Fördersumme, da die gesamte Projektabrechnung von der Kulturverwaltung übernommen wird. Auf diese niedrigen Verwaltungskosten sind wir sehr stolz. Allerdings habe ich unabhängig von meiner Person darauf hingewiesen, dass dieser Job nicht mit einer Aufwandsentschädigung zu leisten ist, und deshalb eine Bezahlung gefordert, die weniger als die Hälfte vergleichbarer Positionen ausmacht und einen mit anderen Stiftungen vergleichbaren Zeitvertrag von fünf Jahren. Hier den „Hauptkonflikt“ zu konstruieren, leugnet die eigentliche Gefahr: das wachsende Kontrollbedürfnis der Politik über die künstlerische Freiheit und das bisher sehr gut funktionierende Prinzip des Hauptstadtkulturfonds.

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