Kontroverse : Kunst und Mode auf dem Catwalk

Jeans als Leinwand, Museen mit Boutiquen, Superpop für Superreiche: Was ist noch tragbar?

Daniel Völzke
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Der nächste bitte! Naomi Campbell im Krankenschwester-Outfit bei einer Schau von Louis Vuitton. -Foto: dpa

„Jetzt kommen wir zu dem Werk, das wohl die größte Kontroverse auslösen dürfte“, sagt die Museumsmitarbeiterin, die durch die Ausstellung führt. Die Damen aus Beverly Hills gruppieren sich vor einem Bild und legen den Kopf schräg. Doch statt zu erschrecken oder irritiert zu wirken, schmunzeln sie nur. Dieses lustige Monogramm-Muster, das die Leinwand gleichmäßig überzieht, kennen sie gut. Von ihren Handtaschen.

Auf dem Bild „Eye Love Superflat“ von Takashi Murakami, den das Museum of Contemporary Art in Los Angeles mit einer Retrospektive ehrt, wechseln sich auf schwarzem Grund ähnlich wie auf Louis-Vuitton-Täschchen Blumen und die Initialen L und V ab. Der japanische Künstler hat das Muster nur etwas bunter gestaltet und Manga-Comic-Augen hinzugefügt, die irre auf die Betrachterinnen blicken. Klarer Fall: Pop-Art. Die Mitarbeiterin spricht auch sofort von Warhol, Warenfetischismus und totaler Affirmation. Die Besucherinnen nicken und schielen heimlich schon zur Boutique, die Louis Vuitton und Murakami mitten in der Ausstellung eingerichtet haben. Dort verkauft das französische Modeunternehmen kleine Monogrammleinwände und superteure Taschen, die der Künstler entworfen hat.

Kontroverse? Davon ist nichts zu bemerken. Mode- und Kunstwelt werfen sich schon lange tiefe Blicke zu. Doch nun haben sie sich ernsthaft ineinander verguckt. Es ist Liebe. Mit dem Boom des Kunstmarktes, mit seinen glamourösen Messen, Feiern und sammelnden Superstars ist Kunst Teil eines umfassenden Lifestyles geworden. Zu den richtigen Schuhen der richtigen Marke auf der richtigen Party gehört eben auch der richtige Künstler. Und umgekehrt: Die Model-, Mode- und Modeschöpfergrößen adeln mit ihrem Interesse die Kunst und verhelfen ihr zu mehr Aufmerksamkeit.

Keine „Frieze“-Messe ohne Kate Moss, die dort jedes Jahr neue Kunstwerke bewundern kann, die ihr huldigen. Hedi Slimane, der ehemalige Designer von Dior Homme und wichtigster Modemacher unseres Jahrzehnts, kuratiert inzwischen Galerie-Ausstellungen. Raf Simons, Kreativdirektor von Jil Sander, berät Kunstsammler. Gucci-Chef François Pinault ist heute selbst einer der einflussreichsten Sammler der Welt, dessen Einkaufspolitik Kunstpreise entscheidend bestimmt. Das gleiche gilt für seinen Konkurrenten Bernard Arnault vom Luxusmarkenkonzern Moët Hennessy Louis Vuitton. Vom Laufsteg über die Designateliers bis zur Vorstandsetage: Die Modehäuser sind durchweht vom Geist der Kunst.

Kein Wunder, wenn zunehmend Modemacher und Künstler zusammenarbeiten, wenn bildende Kunst heute als Haute Couture und Formenreservoir der Mode genutzt wird. Kürzlich wurde in einer New Yorker Filiale der Gagosian Galerie eine Levi’s-Kollektion vorgestellt, die Damien Hirst entworfen hat. Es heißt, der Künstler sei seinerseits auf das Unternehmen zugegangen. Der einstige Stratege der Young British Art, der jüngst mit einem edelsteinbesetzten Schädel der Kunstszene den Kopf verdrehte, hat schon vor Jahren für den Schuhhersteller Manolo Blahnik Stiefel entworfen, die wie seine „Dot-Paintings“ mit bunten Punkten übersät waren. Für Levi’s verzierte Hirst Jeans, Jacken und T-Shirts. Auch diesmal hat die Künstlerhandschrift den Transfer ins Nachbarmetier überstanden: Jeans mit konzentrischen Farbexplosionen erinnern an seine Schleuderbilder, Strass-Totenköpfe zieren schwarzen Denim.

Schon Ellsworth Kelly entwarf in den Fünfzigern Kleider, doch in letzter Zeit häufen sich die Meldungen von Mode- Kunst-Affären: Der New Yorker Fotograf Ryan McGinley hat einen Werbespot für Puma gedreht, die japanische Popkünstlerin Aya Takano gestaltete eine Premiumlinie der Herbst-/Winter-Kollektion von Wrangler, und nach Murakami ist nun der amerikanische Künstler Richard Prince Inspirationsquelle für Vuitton. Die Grenzen zwischen den Sphären sind durchlässig geworden. Die vielzitierte „Migration der Formen“, die der Besucher der vergangenen Documenta aufspüren sollte, kann man ebenso gut beim Blättern in Modezeitschriften beobachten.

Deutschlands Künstler der Saison heißt Anselm Reyle: Seine Formen migrieren wanderlustig und kennen keine Grenzen. Er male seine Muster von Paul-Smith-Hemden ab, spottete unlängst die „FAS“ über die begehrten vertikal gestreiften Materialbilder des Berliners. Raf Simons hat für seine Sommerkollektion die irgendwie mondänen Streifen auf T-Shirts gedruckt und Reyle als Ideengeber benannt. Doch auch ohne die Adaption durch Modedesigner lässt sich in den wiedererkennbaren Formen, Leuchtfarben und schimmernden Oberflächen, die Reyle herstellt, unschwer ein Bezug zu Luxusgütern und ihren Versprechen erkennen. Nun ist diese Kunst entdeckt als das must-have der Superreichen. Pinault jedenfalls hat massig Reyles in seiner Sammlung; seitdem er sie ausstellt, sind die Arbeiten um das Zehnfache im Preis gestiegen.

Gute Kunst wie die Anselm Reyles ist in ihrer unbedingten Aktualität der Mode nahe. „Große Künstler seit Baudelaire waren mit der Mode im Komplott“, schrieb Adorno. Beide Bereiche seien sich einig „in der Aversion gegen Provinzialismus, gegen jenes Subalterne, das von sich fernzuhalten den einzigen menschenwürdigen Begriff künstlerischen Niveaus abgibt.“ Doch seitdem Warenzeichen sich zu Logos und Marken im heutigen Sinne entwickelten, arbeiten Künstler damit und inszenieren sich selbst als Marke. Schon 1930 drückten Dalí und Jean Cocteau Kleidern der Modeschöpferin Elsa Schiaparelli ihren Surrealistenstempel auf. In dieser Geste liegt das Problem: Die Stumpfheit des Markenfetischismus, wie sie etwa Vuitton zelebriert, steht der Kunst nicht und ist ihrer nicht würdig.

Zwar untergraben manche Einlassungen auf Modeunternehmen den Distinktionscharakter der Kunst: Dem kunstversessenen Normalverdiener bieten vom Lieblingskünstler entworfene Kreationen eine Möglichkeit, Werke ihrer Stars nach Hause zu holen – als tragbare Editionen. Doch wieweit ein Künstler, der sich wie Murakami dermaßen der Gebrauchsgrafik und angewandten Kunst hingibt, auch künstlerisch tragbar bleibt, ist fraglich. Kritik muss nicht gleich so hysterisch formuliert werden wie bei Tom Sachs, der in den Neunzigern aus Prada-Schachteln Modelle von Konzentrationslagern gebaut hat. Aber den Spaß an der Anarchie hat sich der Künstler genommen, wenn er durch seine Kollaborationen Loyalität beweisen muss.

Bleiben als Hoffnung die durch Steuergelder finanzierten Institutionen – die Museen – als Bastion gegen Product Placement und allzu leichtfertige Hingabe an muffige Glücksverheißungen durch Monogramme. Oder sollte auch in Deutschland möglich sein, was schon im sonnigen Kalifornien so falsch wirkt: eine Luxusboutique im Museum? Ab September wird die Murakami-Schau im Frankfurter Museum für Moderne Kunst zu sehen sein. Kurator Mario Kramer wünscht sich eine exakte Übernahme der Ausstellung – samt Shop: „Die Boutique ist essenzieller Teil des künstlerischen Programms Murakamis. Das ist Superpop.“ Kein bisschen Kontroverse, auch hier nicht, im Land der schlecht gekleideten Schwermut? Im Gegenteil: „Unser Museum hat sofort fünf Vuitton-Leinwände für unsere Sammlung erstanden.“ Das muss wahrhaft Liebe sein.

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