Kontroverse um „Open Casket“ von Dana Schutz : Im Leid geteilt

Kann Kunst Traumata aufarbeiten? Vorkommnisse auf der Documenta und die Kontroverse um Dana Schutz' Gemälde „Open Casket“ lassen daran zweifeln.

Frederic Jage Bowler
Zerstörung gefordert. Dana Schutz’ Bild „Open Casket“.
Zerstörung gefordert. Dana Schutz’ Bild „Open Casket“.Foto: J. Schmitt-Tegge / dpa

Es ist das Jahr politischer Auseinandersetzungen in der Kunst, nicht erst seit der Documenta 14, die dies zu ihrem Thema gemacht hat und doch an vielen Stellen versagt. Zuletzt mit der Absage der umstrittenen Performance „Auschwitz on the Beach“, die dann doch wieder stattfinden sollte und schließlich vom Künstler selbst abgebrochen wurde. Gesellschaftliche Aufarbeitung bedeutet Überwindung, nicht blinde Vergessenheit. Möchte eine Gesellschaft Traumata hinter sich lassen, ist eine Reflexion der geteilten Geschichte unabdingbar. Aufarbeitungskämpfe finden nicht nur in Form von Straßenumbenennungen statt. Es braucht sie auch in der bildenden Kunst.

Gerade hat die Direktorin des Bostoner Institute of Contemporary Art, Jill Medvedow, eine Ausstellung mit den Worten eröffnet: „Kunst entblößt die Spannungslinien in unserer Gesellschaft.“ Damit reagierte sie auf die von Aktivisten geforderte Zerstörung eines Gemäldes von Dana Schutz, die in ihrem Haus gerade mit einer Einzelschau bedacht wird. In der Debatte um „Open Casket“, so der Titel des Bildes, das den bedeutendsten Fall rassistischer Lynchjustiz der amerikanischen Geschichte aufgreift, traten solche Spannungsverhältnisse besonders stark zu Tage. Das Bild wurde Anfang des Jahres im Rahmen der Whitney-Biennale in New York gezeigt, bei der Bostoner Show ist es nicht mehr dabei.

Mit Empörung reagierten Teile des Kunstbetriebs auf die Forderung der Künstlerin Hannah Black, Schutz verletze mit ihrem Bild die Gefühle von Afroamerikanern und möge es deshalb zerstören. So mancher witterte den Gestank verbrannter Buchseiten. Als entsprechend „absurd“ bezeichnete das Kunstjournal Monopol die ganze Debatte. Die Kunst, so der Tenor, dürfe schließlich alles, immer. Schenkt man aber dem Gemälde selbst, sowie dessen Deutungsrahmen und der Schwerfälligkeit historischer Aufarbeitungsprozesse mehr Aufmerksamkeit, so lässt sich an der Debatte, jenseits gängiger Denkmuster durchaus Lehrreiches erkennen, gerade im Bezug auf die viel beschworene gesellschaftliche Verantwortung der Kunst.

Darf man sich als Weiße nicht empathisch zeigen?

Schutz’ Gemälde zeigt einen liegenden Menschen, bestehend aus einem mit grobem Duktus aufgetragenem Kopf, der Körper gekleidet in einen Frack. Der Titel des Bildes („geöffneter Sarg“) legt nahe, dass es sich um einen Toten handelt. „Offen“, denn er soll gesehen werden. Tatsächlich lehnt sich das Gemälde an ein ikonisches Foto des 1955 gelynchten Emmett Till an. Die brutale Ermordung des 14-Jährigen geriet zum Fanal für die Bürgerrechtsbewegung, weil die Verantwortlichen nie belangt wurden. Das Foto des geschändeten Körpers wurde ein Symbol des nationalen Protestes gegen das Kastensystem der amerikanischen Südstaaten.

Die geforderte Zerstörung rechtfertigte Black damit, dass die Malerin als weiße Amerikanerin kein Recht habe, sich an schwarzem Leid zu bereichern, weder kulturell noch ökonomisch. Schutz’ Unterstützer dagegen fragten zurück: Gehört dieses Leid denn nicht zur ganzen Gesellschaft? Darf man sich als Weiße denn nicht emphatisch zeigen?

Diskussionen um kulturelle Aneignung

In ihrer Argumentation griff Black das Konzept der kulturellen Aneignung auf. Dabei handelt es sich um die Übernahme von Symboliken ethnischer Minderheiten durch die Mehrheitskultur. Vorwürfe der kulturellen Aneignung trafen in der Vergangenheit Modekollektionen oder die Bühnenperformances weißer Popstars wie Mick Jagger oder Miley Cyrus. „Love and Theft“ (Liebe und Klau) nennt der Historiker Eric Lott diesen Prozess der Übernahme der ach so faszinierenden fremden Kultur durch den Mainstream. Kultureller Besitz, Diebstahl? Für viele Amerikaner sind das sehr reale Kategorien.

Als der US-Maler Kerry James Marshall jüngst als Gast der American Academy in Berlin in der UdK sprach, stellte er sich vehement gegen die Vorstellung, Kunst sei ein privilegierter Raum und immun gegenüber gesellschaftlichen Einflüssen. Marshall, der als wichtigster afroamerikanischer Maler gilt, befasst sich mit der Frage, wie Körper schwarzer Hautfarbe in der Kunst repräsentiert werden. Bis heute, so argumentiert er, existierten diese entweder gar nicht oder nur in den zumeist grotesken Darstellungen weißer Künstler. Zu lange hätten sich afroamerikanische Künstler in die Abstraktion geflüchtet, um nicht auf ihre Hautfarbe beschränkt zu werden.

Eine absolute Freiheit der Kunst existiert nicht

Marshalls Arbeiten sind auch eine Antwort auf dieses Ungleichgewicht. Seine rigoros afrozentrischen Bilder bedienen sich der Technik und Motivik klassischer europäischer Malerei. Marshalls Subjekte – ob perlenohrring-behangene Mädchen, Pfadfinder in der Sozialbausiedlung oder müde blickende Polizisten – haben klare Konturen, anmutige Gesichtszüge und eine Hautfarbe, die er trotz des Gebrauchs von Gelb- oder Blautönen als „essentially black“ umschreibt. Bestimmte Darstellungen, die beispielsweise tanzende oder singende Menschen zeigen, vermeidet er. Er sehe keinen Grund, der Masse an stereotypen Bildnissen Neue hinzuzufügen, so erklärte er. Stattdessen praktiziere er eine Art „Geschichtsmalerei für undokumentierte Geschichte“. Auf die Kontroverse um Schutz’ Gemälde angesprochen, entgegnete Marshall schließlich lapidar, wer so ein Bild male, müsse auch in der Lage sein, die Reaktionen darauf zu verkraften. Und: „Die Zerstörung eines Gemäldes kann gefordert werden.“

So erstaunlich es ist: Die Zerstörung oder zumindest Verhaftung von Kunstwerken gehört durchaus zum kunstbetrieblichen Alltag, etwa bei Fälschungen. Eine absolute „Freiheit der Kunst“ existiert nicht, allein durch die Urheberrechtsbestimmungen, die eine unbeschränkte Reproduktion verhindern.

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