Kultur : Konversationsstück ohne Worte

FREDERIK HANSSEN

Hier macht dem Hörer gleichen Kummer
das Tonwerk wie das Textgedicht
Der Text erregt die Lust zum Schlummer
doch die Musik erlaubt ihn nicht.

Oscar Blumenthal

In den zwanziger Jahren unseres Jahrhunderts, als Opern-Uraufführungen noch an der Tagesordnung waren, durfte der enttäuschte Rezensent ein neues Musiktheater-Opus schon mal in vier Verszeilen abhandeln.Auch wenn die Worte haargenau das beschreiben, was der Kritiker dieser Zeitung am Sonntag bei der Berliner Erstaufführung von Jan Müller-Wielands "Komödie ohne Titel" im Apollo-Saal der Staatsoper erlebte - heute geht so etwas nicht mehr.Die einzige wirklich neue Oper der Saison, ja der letzten Spielzeiten überhaupt in Berlin kann man nicht einfach mit einem Knittelvers abtun.Obwohl einem danach zumute ist.Nein, gerade jetzt, wo aus der Deutschen Oper Berlin die Nachricht dringt, man werde zeitgenössische Moderne nur noch "punktuell" anbieten, muß jede Novität ebenso gründlich wie wohlwollend geprüft werden.

Also zunächst die "Haben"-Seite: Der Komponist ist jung, Jahrgang 1966, er ist Wahlberliner und ein sozial engagierter Mensch, der über die Kunst und ihr Verhältnis zur Welt da draußen nachdenkt, sozialkritische Ideen hat.Außerdem dirigiert er sein Werk selber (das spart Geld).Ihm zur Seite stehen durchweg gute, zumeist ebenfalls junge Solisten, die sich mit professionellem Engagement nicht gerade leicht erlernbaren Partien angenommen haben.Unter der Anleitung eines aufstrebenden Regisseurs, Jakob Peters-Messer, der sein Handwerk versteht, haben sie in zweifellos anstrengenden Proben die Bühnenskulptur der Ausstatterin Bettina Meyer erkundet und gelernt, in diversen Schieflagen gerade Töne zu singen.

Dennoch bleibt die umgestoßene, halb im Marmorboden des Apollo-Saals versunkene Fassade eines klassizistischen Palazzo das einzige Bild des Abends, das sich wirklich einprägt.Wie ein braungemaserter Eisberg ragt die säulengeschmückte Wand fast bis zur Saaldecke auf, drängt das Orchester weit nach vorn, nimmt den Platz für die Rokoko-Sessel, die hier sonst bereitstehen, so daß die Zuschauer auf einer engen, mit alten, orangefarben gepolsterten DDR-Stühlen sitzen müssen.Fast schon erdrückend wuchtig dominiert die monumentale Ruine den Saal - und erweist sich doch schnell als praktikable Spielfläche, auf der sich effektvoll herumturnen läßt.Nur schade, daß die Theaterrevolution, die vor ziemlich langer Zeit diese großbürgerliche Fassade zum Einsturz gebracht hat, schon so lange vorbei ist, wenn das Stück beginnt.

Als Librettogrundlage dient Jan Müller-Wieland ein Schauspielfragment des spanischen Dichters und Theatermanns Federico Garcia Lorca.In den letzten Jahren vor seinem frühen, gewaltsamen Tod hatte Lorca immer wieder an dem Text gearbeitet, mit dem er eine Synthese aus den Ideen des Surrealismus und seinem sozialkritischen Engagement schaffen wollte.Ein kühner Plan, die Darstellung der Ströme des Unterbewußtseins mit einer Schärfung des Bewußtseins für die Probleme der gesellschaftlich Benachteiligten zu verknüpfen.Ob es Lorca überhaupt gelungen wäre, die beiden gegensätzlichen Pole, das Unbegreifliche und das Sozialkritische, zu einem modernen "Welttheater" à la Calderon de la Barca zu verschmelzen, steht in den Sternen.Die wenigen nachgelassenen Szenen blieben jedoch eher Ansätze zu einem Konversationsstück, bei dem diverse Themen von der Theatertheorie-Diskussion bis zum aktuellen tagespolitischen Geschehen angerissen werden.Zuschauer greifen in die Handlung ein, absurde Episoden gehen in Beziehungsgespräche über, die dann ihrerseits von Shakespeare-Zitaten überwuchert werden.

Das alles wäre vielleicht per se noch nicht einmal eine schlechte Ausgangsbasis für eine musiktheatralische Collage - wenn man denn dem Text folgen könnte.Doch Müller-Wieland bewirft, befeuert das klapprige Textgerippe mit derartig viel Klangmaterial, daß jegliche Verständlichkeit auf der Strecke bleibt - und damit bald auch jede Spannung.

Das beginnt bereits im ausgedehnten Monolog des - laut Programmheft - "abgefuckten" Autors.Da haben Akkordeon und Amboß, Vibraphon und die Bläser einiges zu tun, während der Dichter darüber doziert, daß wir, das Publikum, doch im Theater immer nur die Unterhaltung suchten.Leider trägt die splittrige Klangsprache weder dazu bei, solche Binsenweisheiten klanglich zu bebildern noch sie zu widerlegen.Aber auch die Stimmführung des Sängers mit ihren scheinbar willkürlichen Extremsprüngen ist nicht dazu angetan, verständnisfördernd zu wirken, obgleich sich Sten Byriel mit mächtigem Bariton alle Mühe gibt, seine Botschaften zu transportieren.

Doch die kommen nicht an.Auch in den folgenden Szenen bleibt die Klangmasse amorph, werden weder Personen noch Stimmungen kompositorisch nachvollziehbar charakterisiert, Szenen klar gegeneinander abgesetzt.Kein Wunder, daß die Aufmerksamkeit bald abnimmt, ebenso wie die Lust, sich auf den schwer verständlichen Text zu konzentieren.Natürlich kann man damit argumentieren, daß kein Opernbesucher in unserer diversifizierten Welt mehr erwarten kann, auf der Bühne Leichtverständliches serviert zu bekommen.Andererseits erklärt der Komponist im Programmheft die Überwindung von "Kunst als Selbstzweck" zu seinem Hauptziel, um dann in eigentlich symphatischem Erzählton ziemlich staubige Ideen von einer sozial engagierten Musik zu entwickeln.Darum hat er sich bei diesem Stück, immerhin seinem fünften Musiktheaterwerk, auch an einem "utopischen Volkston" versucht.In der Tat wird heftig mit Flamencoschuhen aufgestampft, werden Bolero-Rhythmen geklatscht, mischen sich die Seufzer eines Akkordeons ins Klangspektrum des kleinen Orchesters.Im Ambiente des Apollo-Saals wirkt das ungefähr genauso spanisch wie "Carmen".

Das Hauptproblem dieser Oper aber ist, daß sie nicht recht weiß, was sie nun sein will.Für ein Lehrstück fehlt die unmißverständliche Botschaft, für einen verspäteten Ableger des absurden Theaters die musikalische Komik (die hier in der Idee gipfelt, die letzte Silbe eines Wortes mit Verzögerung singen zu lassen).Und ein Traumspiel will es auch nicht werden, dafür ist der Grundduktus des Orchestersatzes zu aggressiv.Also stellt sich bei dieser 100minütigen "Komödie ohne Titel" leider nur eines ein: Langeweile.Und die ist ohne Worte.

Lorca selber machte sich keine Hoffnung, die "Komödie ohne Titel", so wie er sie plante, selber zu seinen Lebzeiten einmal auf der Bühne zu sehen.Sein Ziel, mit dem Stück seinen Zuschauern einen Spiegel vorzuhalten, in dem jeder einzelne statt des Guten, Wahren, Schönen plötzlich seine "persönlichen Dramen" wiederentdeckt, würde bei einem spanischen Publikum unweigerlich dazu führen, daß die Besucher "sofort empört aufstehen und und verhindern, daß die Aufführung fortgesetzt wird", vermutete er und definierte die "Komödie ohne Titel" deshalb als "Poem zum Auspfeifen".Eigentlich schade, daß sich Theaterbesucher heutzutage so etwas nicht mehr trauen.

Staatsoper Unter den Linden, Apollo-Saal.Weitere Aufführungen: 17., 20., 22.und 25.September, immer um 20 Uhr.

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