Konzeptkünstler Eric Baudelaire : Ohnmacht und Ordnung

Mit einfachsten Mitteln und Augenzwinkern: Der französische Konzeptkünstler Eric Baudelaire entwirft in der Galerie Barbara Wien Szenarien einer globalisierten Welt.

Angela Hohmann
Installationsansicht des Projekts "Site Displacement" von 2007.
Installationsansicht des Projekts "Site Displacement" von 2007.Foto: Galerie Barbara Wien

Hochhaussiedlungen ragen im Hintergrund empor, davor bewegt sich eine rot gekleidete Gestalt. Auf zwei Fotografien mit kleinen Unterschieden sieht man dieses Motiv. Man könnte meinen, es handele sich um zwei Ansichten derselben Trabantenstadt. Weit gefehlt! Das eine Bild ist in Frankreich, das andere in Indien entstanden.

Lauter Bilderpaare zeigt in der Galerie von Barbara Wien die Ausstellung „A Form That Accommodates The Mess“ mit Werken des französischen Konzeptkünstlers Eric Baudelaire. Über Diaprojektoren werden sie an die Wand geworfen. Jedes Diptychon spielt dabei mit den Ähnlichkeiten des Motivs (Preise: Diaprojektion 14 000 Euro, Diptychen je 4000 Euro). Mal zeigen die Bilder eine aufgerollte Decke und ein Kissen auf einem Bett, mal Bäume im Wald, mal Häuser mit ähnlicher architektonischer Struktur. „Site Displacement“ heißt die Serie und ist das ungewöhnliche Ergebnis einer Auftragsarbeit. 2006 wurde Baudelaire von der Stadt Clermont-Ferrand darum gebeten, eine Serie von Fotografien zum Thema „Territorium“ anzufertigen. Für den Politologen Baudelaire zeichnete sich Clermont-Ferrand vor allem dadurch aus, dass die Stadt ehemals ein bekannter Standort des Reifenherstellers Michelin war. Der hat seine Produktion allerdings längst nach Indien verlagert.

Briefe an englische Premierminister

In einer vergleichbaren Geste lagerte auch Baudelaire seine fotografische Produktion ebenfalls nach Indien aus. Dort beauftragte er den indischen Künstler Anay Mann, in dessen Heimatland Bilder zu finden, die denen Baudelaires von Clermont-Ferrand gleichen. So schreibt der 1973 Geborene in seine Arbeit über das Thema Territorium gleichsam die Unsinnigkeit dieser Vorstellung in Zeiten der Globalisierung ein.

Mit einfachsten Mitteln, gezielten Gesten und einem Augenzwinkern arbeitet Baudelaire an komplexen, oft politisch gefärbten Themen. Dazu nutzt er unterschiedlichste Medien wie den Film, Fotografie, Objekte, Installationen und Bücher. Seinen hintergründigen Humor offenbart die Installation „Ante-Memorial“ aus gerahmten Briefen, die zwischen 2011 und 2016 entstanden ist. Hier erkundet Baudelaire die Konventionen des Denkmals, das meist in Erinnerung an denkwürdige Ereignisse wie einen Krieg im Nachhinein geschaffen wird. Baudelaires Denkmal soll jedoch vor einem Ereignis entstehen, im Vorgriff also. In Briefen an englische Premierminister wie Margaret Thatcher, Tony Blair und David Cameron bittet er darum, ihm die Briefe zu schicken, in denen sie ihre Anweisungen für den Fall eines atomaren Angriffs niedergelegt haben. Tatsächlich erhält er Antworten, natürlich nie die gewünschten. Seine Briefe und die Antworten ergeben in schwarze Rahmen an die Wand gehängt sein Denkmal.

Ordnung ins Chaos des Terrors bringen

Kaum ein Thema beschäftigt die internationale Öffentlichkeit so sehr wie der Terror, kein Ereignis scheint so unberechenbar wie ein Anschlag. Dennoch versucht die Wissenschaft über die unterschiedlichsten Modelle, den Terror berechenbar zu machen. Aus wissenschaftlichen Studien zum Terror hat Baudelaire vor allem die vielen Grafiken und Statistiken zu einem All Over vereint, all die akribischen Versuche, mit Hilfe von Statistik und Mathematik Ordnung in das Chaos des Terrors zu bringen. Bei Barbara Wien wuchern sie, ein unkalkulierbares Eigenleben entfaltend, über die Flurwand.

Es ist faszinierend, wie vielschichtig die Arbeiten Baudelaires sind, wie scharfsinnig sie die Probleme der Zeit kommentieren und welche feine Ironie sie dabei entfalten.

Galerie Barbara Wien, Schöneberger Ufer 63; bis 18. 2., Di–Fr 13–18 Uhr, Sa 12–18

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