Konzert : Allegretto eines Spaziergängers

Alfred Brendel hat gerade erst abgedankt – doch das Berliner Publikum hat den Nachfolger schon erkoren: Bis auf den letzten Platz gefüllt ist der Kammermusiksaal regelmäßig bei András Schiffs Beethoven-Zyklus.

Jörg Königsdorf

Auch beim Abend mit den Sonaten Opus 31 und 53 sind noch Extrastühle aufgestellt, wo immer es die Brandpolizei erlaubt. Man gönnt dem 55-jährigen Ungarn diesen Triumph – auch weil er es sich mit seinem Beethoven nicht leicht gemacht hat: Langsam hat er sich über Schubert, Bach und Mozart an die 32 Sonaten herangearbeitet und seinen Fingern die Kraft abgetrotzt, die Werke wie die „Appassionata“ und die „Hammerklaviersonate“ brauchen.

Dennoch ist die virtuose Pranke noch immer nicht seine Sache: Das Rondo- Thema im letzten Satz der „Waldstein“-Sonate ächzt, als würde es auf eine Streckbank gespannt werden, und schon im Kopfsatz verhärten sich Beethovens herausfordernde Gesten oft zur Verbissenheit.

Doch Schiff versucht auch gar nicht, dieses Manko zu vertuschen. „Schaut her, diese Musik kämpft mit sich selbst!“ scheint er mit herausgeschleuderten Basstönen und klappernden, immer wieder ins Leere laufenden Sechzehntel-Wellen der linken Hand sagen zu wollen. Freilich ist es vor allem der Interpret, der kämpft.

Doch Schiffs Stärken, das zeigt auch seine parallel beim Label ECM erscheinende CD-Gesamteinspielung, liegen ohnehin im Spielerischen, lyrisch Intimen – ein Ansatz, dem die drei zum Opus 31 zusammenfassten Sonaten eher entgegenkommen. Als Rückblicke auf das 18. Jahrhundert legt Schiff die Werke an, nicht vorausweisende Kühnheit und große Form, sondern das geistreiche Detail interessiert ihn hier. Kaum ein Takt schon im D-Dur-Stück, den er nicht mit einer hübschen Nuance versieht. Ein graziöser Rokoko-Beethoven ohne spöttische Hintergedanken ist das – als wollte Schiff den Abstand zur Waldstein-Sonate eigens herausstellen. Selbst in der „Sturm“-Sonate Op. 31,2 lässt er sich nicht zu Temperamentsausbrüchen hinreißen, horcht im Kopfsatz sinnend dem fernen Donnergrollen nach. Das Finale nimmt er als verdüsternde Pastorale im gemessenen Allegretto eines Spaziergängers. Manche Dinge sieht man eben nur, wenn man zu Fuß geht. Jörg Königsdorf

Die weiteren Abende des Zyklus finden am 27.11. sowie am 7. und am 18.12. statt. Leider sind alle Konzerte ausverkauft.

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