Konzert am 90. Geburtstag : Charles Aznavour verzaubert Berlin

Formidabel! Der große französische Chansonnier Charles Aznavour kann einfach nicht aufhören. An seinem 90. Geburtstag füllt er die O2-World - und begeistert.

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Conférencier alter Schule. Charles Aznavour in der Mehrzweckhalle am Ostbahnhof. Foto: dpa
Conférencier alter Schule. Charles Aznavour in der Mehrzweckhalle am Ostbahnhof.Foto: dpa

Und dann steht er doch wieder da, im grellen Licht der Mehrzweckhalle am Ostbahnhof. Allein das ist schon eine kleine Sensation. „Ich verrate Ihnen etwas“, sagt Charles Aznavour. „Ich komme nie zurück.“ Das eilig eingeschaltete Licht, die blauen Laufbandanzeigen, die im Rund für eine Aftershowparty werben, sind der Beweis dafür, dass diese Zugabe tatsächlich nicht geplant war.

Als Conférencier alter Schule hält Charles Aznavour selbstverständlich nichts von Zugaben, alles gesagt mit dem letzten Akkord! Doch da steht er nun, dieser unglaublich kleine, übergroße Chansonnier auf einer spärlich dekorierten Bühne und durchbricht ein Ritual, das sich seit fast 70 Jahren bewährt hat. „Dies ist mein zweites Mal“, sagt er, die Hand leicht zitternd, ins Mikrofon. „Das erste Mal war in Jerusalem, da habe ich mich nicht getraut, drei Religionen zu verärgern.“ An diesem Abend in Berlin ist es kein Großkonflikt der Weltpolitik, der ihn une autre spielen lässt. Nein, an diesem Abend lässt sich Charles Aznavours Rückkehr nur mit einem Umstand erklären: Der 90. Geburtstag auf der Bühne ist ihm wohl doch nicht ganz so egal, wie er es im Vorfeld immer wieder gesagt hatte.

Als Charles Aznavour 100 Minuten vorher pünktlich die Bühne betritt, glaubt man es ja selbst kaum. Kann es sein, dass er immer noch da ist? Dass er mit seinen schwarzen Steppschuhen und seinen Hosenträgern über die Bühne hüpft und swingt, als wäre er, tja was?, 70? Allein das reißt die 3500 Fans hier schon von ihren Sitzen, bevor der erste Ton gespielt ist. Ein halbherziges „Happy Birthday“ verklingt schnell wieder, man ist ja unsicher, ob der Jubilar das nun hören möchte.

Ein feines Lächeln verrät ihn, brav sagt er Merci, Danke schön, Thank you. „Ich habe eine Stimme wie mit 20“, sagt er, „dabei bin ich mehr als vier Mal 20, das ist mehr, als man haben sollte, wenn man auf einer Bühne steht.“ Es gibt viele, die im Alter zur Krächzigkeit neigen, denen man höchstens noch aus Nostalgie zuhören kann. Nichts davon bei Aznavour. Augen zu und er ist wieder 20. Diese Zahl scheint für ihn eine Art Sinnbild der Jugend. Hier encore / j’avais vingt ans singt er oder Je vous parle d’un temps / Que les moins de vingt ans / Ne peuvent pas connaître – „La Bohème“, zweifelsfrei der Höhepunkt des Abends. Überhaupt spart Charles Aznavour nicht mit Hits von „She“ bis „Mes Emmerdes“, von „For me Formidable“ bis „Comment ils disent“, Hymne der Schwulenbewegung, da lässt er das Publikum abstimmen: Englisch oder Französisch? 1:0 für die Originalsprache.

Ein Lied müsse sein wie ein Gedicht, sagt er, der Text stark genug, dass ein Schauspieler ihn vortragen könnte, ohne Musik. Er probiert es gleich, recht erfolgreich, mit „Sa Jeunesse“. Doch er hat sie ja, die Musik, diese unverwechselbaren Quart-Septakkorde, die außer ihm vielleicht nur The Who so charakteristisch verwenden. Er leistet sich neun Musiker, darunter ein Konzertpianist, zwei Backgroundsängerinnen – eine ist Tochter Katia, die nur zum Duett für „Je voyage“ nach vorn tritt. Und zwei Keyboards, die Sounds erzeugen, die sich heute nur noch Franzosen trauen. Aznavour kann das alles, darf das alles, soll das alles.

Er macht ja ohnehin, was er will. „Emmenez-moi“, die große Schlusshymne, bricht er ab, kokettiert damit, dass er den Teleprompter nicht lesen kann. Noch mal zurück, von vorn, wieder hat er Sorgen mit dem Text, improvisiert einfach.

Man wünscht sich in die Waldbühne, an irgendeinen anderen Ort als diese sterile Sporthalle, in der man jeden Moment erwartet, dass die Zuschauerzahl auf dem Videowürfel eingeblendet wird. Das Konzerthaus am Gendarmenmarkt, die Philharmonie! Tant pis, würde Aznavour sagen, macht doch nichts. Solange es eine Bühne gibt, wird er sie ausfüllen.

Eine Operndiva, sagt er noch, als er geduldig wartet, bis die Halle das Licht wieder ausschaltet, kommt schließlich auch nicht zur Zugabe, wenn sie zuvor auf der Bühne gestorben ist. „Aber ich bin noch nicht tot!“ Nein, das ist er wahrlich nicht.

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