Kultur : Konzert: Am Bass: Herr Nietzsche

Sassan Niasseri

Das Motorenbrummen des Flugzeugs schwillt an, es wird lauter, bedrohlicher, aber die Katastrophe bleibt aus. Sein Nachhall verklingt und wird zur Stille. Keine Entwarnung, die Schallwelle hat sich nur geerdet - die Vorhut, ein Schlagzeugbecken und ein Klavierakkord, setzen als Taktgeber ein. Dann geht es ganz schnell: Ein aggressives Gitarrenriff stößt dazu, Bass und Schlagzeug stimmen druckvoll in einen monotonen Rhythmus ein. Die Instrumente finden einander, doch dann schafft eine Gitarre sich Raum und bricht aus - die Band springt dem Hörer ins Gesicht. Aber das macht keine Angst. Das Problem ist eher, dass man dazu tanzen muss, so gut klingt es.

"Radio" heißt das Stück. Es ist der Opener von "A to B", dem neuen Album der Berliner Band Mina. "A to B" hat viele von diesen energetisch funkigen Songs - ihr Zug zehrt an den Muskeln. Wer macht bloß solche Musik? Natürlich Menschen, die gar nicht danach aussehen. Funk ist sexy. Mina sind es nicht. Im Gespräch geben sie sich nüchtern und beschreiben die Songstruktur ihrer Stücke im Jargon eines Musiklehrers: "Strophe, Strophe, Zwischenteil Refrain, Refrain, Mittelteil, Schlussrefrain." Norman Nietzsche, der Bassist der Band, senkt den Blick und guckt auf seine Schuhe. Er trägt Sneaker. Keine Discostiefel. "Unser Proberaum liegt in einer Einflugschneise, deshalb das Triebwerkgeräusch. Und dieser Schub ist keine Metapher für Transport. A to B ist ein Ausdruck von Bodenständigkeit - das Zusammenfügen zweier Teile." Jedes Teilelement zählt. Ein Gedanke, den die Musiker so konsequent zum Prinzip erhoben haben, dass sie selbst den Flugzeugkrach als Albumtrack auflisteten: "Intro". Die Nicht-Melodie als Anfangs-Fanfare.

Die Geschichte von Mina ist kurz, aber ereignisreich. 1996 trafen die Organistin Masha Kurella und der Gitarrist Johannes Lehmann, die auch bei der Gitarrenpop-Band Contriva spielen, auf den Bassisten Nietzsche und den Schlagzeuger Christoph Hein. Sie gründeten die Band Mina Drugstore, die sie kurze Zeit später in Mina umbenannten. Als Mina 1999 ihr Debütalbum "Kryptonite" veröffentlichten, gab es viel Kritiker-Lob, besonders aus England. Die britische Pop-Bibel "NME" bezeichnete "Desktop", die Vorab-Single von "A to B", als "record of rare wisdom and joy, the highest thing you have come across", die "Times Metro" sprach anerkennend von "Berlins Disco Terrorists". Das Lob löst bei den Musikern heute ein Lächeln aus. "Die britische Presse hat uns mit Kool and the Gang verglichen", sagt Kurella. Sie zögert, blickt zu den anderen. "Aber wir sind keine Entertainer. Live klingen unsere Songs mehr nach Garagerock."

Vor allem passen die Stücke von Mina, so unbeabsichtigt das auch sein mag, in den Kontext einer Musik, die neuerdings als "Berliner Schule" vermarktet wird: Pop, der nur manchmal auf Texte, aber immer auf Parolen verzichtet. Im Gegensatz zur "Hamburger Schule" kommen die um Berliner Labels wie kitty yo, Bungalow oder Monika gruppierten Bands ohne Slogans à la "Ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein" aus. Die Angehörigen der Berliner Schule wollen alles, nur keine Wortführerschaft. Eher verstehen sich Acts wie die Quarks, Paula oder Britta als Ratgeber bei den kleinen zwischenmenschlichen Missgeschicken - und liefern dem Hörer mit ihren unverbindlichen Songtexten eine Projektionsfläche für seine eigenen Gefühle.

Die Instrumentalband Mina macht tabula rasa. "Der Hörer soll sich seine eigene Wirklichkeit zurechtlegen. Ein Text würde alles zu eindeutig machen", sagt Kurella. "Schließlich haben wir uns nie in der Rolle von Songwritern gesehen". Doch mit "Desktop" aber gibt es auf "A to B" nun ein Lied, in dem gesungen wird. Es beginnt als süßlicher Housetrack, baut sich langsam auf und kippt im Mittelteil dann unerwartet um - die Band zieht sich zurück, düster klingende Soundflächen breiten sich aus und schaffen eine Atmosphäre von ironisch aufgeladener Dramatik. Dann greift die Band leicht fiebrig das Anfangsmotiv wieder auf, fast so, als ob nichts passiert wäre. "Wir sind ja keine melancholischen Typen", stellt Nietzsche klar.

Im Text von "Desktop" werden Mina sehr deutlich. "On the desktop there will be / All instructions you will need / Take care of yourself / On the desktop you can choose / Between comfortable ways to loose", singt Kurella. Es sei wie mit dem Schicksal einer Computerspiel-Figur: Der Spieler strampelt sich für seine Figur ab, aber ein unvorsichtiger Moment genügt, um das Spiel in einem Crash enden zu lassen. Dabei scheint es schon schwer genug, seine eigenen Ziele im Griff zu behalten. "Take care of yourself" - vielleicht ist das tatsächlich der selbstloseste Rat, den eine Band geben kann, ohne dabei zweideutig zu klingen.

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