Konzert : Familienaffären

Die kanadische Musikerin Feist überzeugt bei ihrem einzigen Deutschland-Konzert im Berliner Tempodrom.

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Eigener Kopf. Feist im Tempodrom. Foto: dpa
Eigener Kopf. Feist im Tempodrom. Foto: dpaFoto: dpa

Eigensinn ist eine der vielen Stärken von Feist. Sie hat schließlich einst als Punkmusikerin angefangen. Also macht sie nicht alles mit, was der Popzirkus für gewöhnlich vorschreibt. Zum Beispiel eine Vorband auftreten lassen. Stattdessen läuft zum Auftakt ihres einzigen Deutschlandkonzertes im ausverkauften Berliner Tempodrom F. W. Murnaus Stummfilm „Sunrise“ auf der leicht nach vorne gekippten Leinwand im Bühnenhintergrund. Das letzte Drittel des 1927 gedrehten Melodrams wird sehr feinfühlig und dynamisch von einem Schlagzeuger und einem Keyboarder begleitet.

Während man noch grübelt, was Feist wohl an dieser Geschichte vom untreuen Bauern fasziniert, der sich am Ende mit seiner Frau versöhnt, tänzelt sie schon winkend herein. Sie ist kaum zu sehen, was sich in den folgenden hundert Minuten nicht ändern wird. Denn das Posieren im grellen Scheinwerferlicht gehört auch zu den Konventionen, denen sich die 35-jährige Kanadierin verweigert. Dafür lässt sie es mit ihren drei Musikern und drei Sängerinnen sofort krachen. Zu bollernden Tomschlägen und Schellenkranzgerassel schleudern sie das Stück „Undiscovered First“ ins Rund des Betonzeltes am Anhalter Bahnhof.

Im Zentrum des Konzerts stehen die Songs von Feists neuem, vierten Album „Metals“, dessen teils recht üppig instrumentierten Folkpopsound die kleine Besetzung gut rüberbringt. Neben Keyboarder und Drummer agiert ein Multiinstrumentalist an Trompete, Gitarre, Percussion, Mundharmonika und Bass. Feist selber spielt auf prägnante Weise diverse Akustik,- und E-Gitarren. „The Bad In Each Other“ und die Single „How Come You Never Go There“ sind frühe Höhepunkte des Sets, in das die Band immer wieder leicht abgewandelte Versionen älterer Songs streut. So verpasst sie „My Moon My Man“ ein Gruselorgelintro und lässt „I Feel It All“ in ein wildes Rockabillyfinale münden. Geschickt arbeitet Feists Band mit Laut-Leise-Kontrasten, wodurch die Spannung stets hoch bleibt.

Feist wirkt gelöst und erfreut, mal wieder in Berlin zu sein, wo sie einige Jahre gewohnt hat. Exmitbewohnerin Peaches sitzt im Publikum. Und mit Joel Gibb von den Hidden Cameras gesellt sich ein weiterer kanadischer Wahlberliner an ihre Seite, um mit ihr den Countryklassiker „Wagoner‘s Lad“ zu singen – gewidmet dem alten Freund Taylor Savvy. Die familiäre Atmosphäre gipfelt in Feists Aufforderung an die Zuschauer, zu „Let It Die“ auf der Bühne zu tanzen. Für große Walzerkreise ist es zwar zu voll, aber hübsch sieht es aus. Das Publikum bleibt bis zum letzten Song, den Feist allein mit Akustikgitarre bestreitet. Dass sie weder „The Limit To Your Love“ noch ihren größten Hit „1234“ spielt, nimmt ihr niemand übel. Feist ist eben eine Frau mit eigenem Kopf. Respekt. Nadine Lange

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