Konzert : Fauchen und hauchen

Elvis Costello begeistert im Berliner Tempodrom mit einem überlangen Solo-Konzert

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Pop-Archäologe. Elvis Costello. Foto: dapd
Pop-Archäologe. Elvis Costello. Foto: dapdFoto: dapd

Der Trend geht wieder zum Langkonzert. Zumindest bei älteren Semestern der Rockmusik: Unter zweieinhalb Stunden machen es verdiente Schwerarbeiter wie Crosby & Nash oder die Cowboy Junkies offenbar nicht mehr. „Kann ich auch“, mag sich Elvis Costello vor seinem Auftritt im gut besuchten Tempodrom gedacht haben, „und ich brauche nicht mal eine Band dazu.“ Als bestens aufgelegter Alleinunterhalter mit anthrazitfarbenem Anzug, verwegen gemustertem Hemd und keckem Hütchen gitarrenschrammelt und orgelt sich der 57-Jährige satte 150 Minuten durch sein schier unerschöpfliches Repertoire. Wer sich damit auskennt, weiß, dass er statt der knapp 30 ausgewählten auch ganz andere Songs hätte spielen können, ohne dass es die Qualität beeinträchtigt hätte.

Doch Costello weiß, was die Fans bei seinem einzigen Deutschlandkonzert hören wollen: eine Best-of-Auswahl aus 35 Karrierejahren von einem der talentiertesten Songwriter Englands. Also haut er einem, oft mit launischen Anekdoten garniert, vor Energie vibrierende oder zum Zerspringen zarte Unplugged-Versionen von wunderbaren Hits um die Ohren – von „Red Shoes“, „Every Day I Write The Book“, „Alison“ oder dem mit Paul McCartney geschriebenen „Veronica“.

Dabei sitzt nicht jeder Akkord an der vorgesehenen Stelle, macht die Stimme des Meisters bei seinen charakteristisch lang gezogenen Vokalbögen auch mal ein paar unvermittelte Tonhöhensprünge. Aber was soll’s: Die Intensität dieser aufs Gerippe aus Melodie und Rhythmus reduzierten Rohlinge wiegt gelegentliche Verspieler allemal auf. Und Costello wagt einiges: Das Dub-Arrangement von „Watching the Detectives“ schreit eigentlich nach der musikalischen Unterstützung einer seiner langjährigen Begleitbands, doch das schräge Solo zu Drummachine und geloopten Gitarrenakkorden ist nicht minder hörenswert.

Immer wieder erweist sich Costello als kundiger Archäologe der Popgeschichte. So verknüpft er „All This Useless Beauty“ mit dem Refrain von „You’ve Got To Hide Your Love Away“ der Fab Four – und hängt an „Radio Sweetheart“ ein Zitat von „Jackie Wilson Said“, Van Morrisons Soul-Hommage aus den frühen Siebzigern, bei der sich das Publikum freudig zum Backgroundchor machen lässt. Dabei sind Costellos quecksilbrige Entertainerqualitäten offenbar an eine Performance im Stehen gebunden: Als er für zwei Songs wie ein klassischer Konzertgitarrist auf einem Hocker Platz nimmt, verflacht das Geschehen kurzzeitig.

Ein paar Kracher hat Costello sich für die Zugaben aufgehoben: Erst erinnert „I Want You“ mit jaulendem E-Gitarrensolo daran, dass Liebeskummer so wehtun kann wie ein offen liegender Zahnnerv, dann hämmert er das kratzbürstige „National Ransom“ raus, um einen gleich danach mit dem asthmatischen Orgelgewimmer der Antikriegsballade „Shipbuilding“ zu umschmeicheln. Großer Mann, tolles Konzert!Jörg Wunder

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