Konzert in der Berliner Waldbühne : Mit Aerosmith in der Mitklatschhölle

Für die schönsten Momente sorgen ausgerechnet Coverversionen. Dann folgt das erwartbare Hitfeuerwerk. Aerosmith gastieren bei ihrer Abschiedstour in der Berliner Waldbühne. Ihre Zeit ist abgelaufen.

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Divenhaft. Sänger Steve Tyler bei einem Konzert in München. Foto: dpa/Sven Hoppe
Divenhaft. Sänger Steve Tyler bei einem Konzert in München.Foto: dpa/Sven Hoppe

Natürlich muss es fiepen. Und scheppern. Und – ja, genau – wehtun. Weil: So geht Rock'n'Roll. Wenn Aerosmith in der nicht ganz ausverkauften Berliner Waldbühne den Revolutionsaufruf „Come Together“ von den Beatles, spielen dann klingt er plötzlich ziemlich metallisch. Natürlich flattert Steven Tylers Stimme divenhaft, wenn er Zeilen kreischt wie „He got hair down to his knees / Got to be a joker / He just do what he please“, die John Lennon einst dem LSD-Papst Timothy Leary für dessen Gouverneurs-Wahlkampf in Kalifornien widmete. Eine Hymne für einen Unbeugsamen.

Tu bloß, was dir gefällt: Ist das nicht die Definition von Rock'n'Roll? Aerosmith verschärfen den Rhythmus, am Ende wird aus der Anarchonummer pumpender Boogierock. „Come Together“ stammt von „Abbey Road“, dem letzten Album, das die Beatles aufgenommen haben. „Aero-Viderci Baby“ heißt kalauernd die Tournee von Aerosmith. Es soll ein Abschied sein. Oder auch nicht.

Aerosmith sind die größte Garagenband der Welt. Ihr Dinosaurierrock ist wie gemacht für die Open-Air-Arena mit einer Kapazität von 22 000 Zuhörern, sie könnten aber genausogut in einer verrauchten Billiardkneipe spielen, in der kratzbürstige Blondinen Bier an die Tische tragen. Zu echter Größe gehört das Understatement. Bevor Steven Tyler mit „Aaaah!“-Stöhnen und „Yeah!“-Kieksern die Show eröffnet, ziehen erratisch zusammengestellte Bandfotos, Videos und Albumcover über die Mammutleinwand, viele davon eher wacklig aufgenommen.

Sinnlos verdampft der Trockeneisnebel in der Abenddämmerung. Bis auf zwei gigantische Lautsprechertürme ist die Bühne angenehm leer, und die Musiker verteilen sich in maximalen Abstand darauf. Nur Sänger Steve Tyler und Leadgitarrist Joe Perry müssen immer wieder eng zusammenrücken, um ihrem Image als „Toxic Twins“ zu entsprechen. Rhythmusgitarrist Brad Whitford scheint auf dem Boden festgeklebt zu sein. Metronom-Mann Joey Kramer spielt ein Schlagzeug, wie es knochentrockener nicht klingen könnte. Und Bassist Tom Hamilton tanzt mitunter selbstvergessen, das muss am Rhythmus liegen, den er im Blut hat.

Der programmatische Auftaktsong heißt „Let the Music Do the Talking“ und entstammt dem mäßig erfolgreichen Album „Done With Mirrors“ von 1985. Steven Tyler, für einen 69-Jährigen erstaunlich drahtig, sprintet über den Laufsteg, der von der Hauptbühne ins Publikum führt. An seinem Mikrofonständer, den er gerne wie eine Hantel benutzt, flattern die obligatorischen Hippiebänder, auf seiner linken Backe klebt ein Knutschmund, die Fingernägel sind lackiert. Der dazu passende Gender-Bender-Heuler „Dude (Looks Like a Lady)“ wird später noch zu hören sein.

Joe Perry kennt alle Arten der Breitbeinigkeit und kann dabei immer noch Gitarre spielen. Sein weißer Arztkittel verleiht ihm die Aura eines verrückten Professors. Kann er mit seiner E-Gitarre die ganze Welt kurieren? „Let the Music Do the Talking“, der Slogan erinnert an Udo Jürgens’ Liebesgeständnis „Was ich dir sagen will, sagt mein Klavier“. Aber hat uns die Musik von Aerosmith immer noch etwas zu sagen? Müssen wir vielleicht nur etwas genauer hinhören, um ihre Botschaft zu begreifen?

Es gibt zwei Arten von Aerosmith-Songs

Es gibt zwei Arten von Aerosmith-Songs. Die einen sind stumpf, aber auf angenehme Art. Sie poltern trashig, fransen elegisch aus und erinnern an die Frühphase der Band, in der sie den Bluesrock der Rolling Stones mit dem Heavyrock von Led Zeppelin fusionierte. Die anderen sind einfach nur stumpf.

Auf die Höhepunkte des Abends, zwei Coverversionen der frühen Fleetwood-Mac-Stücke "Stop Messin' Around" und "Oh Well" - reinster Folkrock - folgen das erwartete Hitfeuerwerk und die Mitklatschhölle. "Hangman Jury" aus dem Jahr 1987 zelebrieren Tyler und Perry von Barhockern aus, ein pseudointimer Moment. Warum spielen sie das Stück nicht gleich akustisch, wieso dazu dieses aufgeschäumte Rockpop-Klangbild? "Sweet Emotion" und "I Don't Want to Miss a Thing": allergrößte Rockballaden, allergrößte Rührseligkeit.

Smartphone-Bildschirme flackern in der Arena auf wie Wallfahrtskerzen. Ihren Monstererfolg ab 1987 mit Alben wie "Permanent Vacation", "Pump" oder "Get a Grip" verdanken Aerosmith einem Gitarrenklang, der zwar nicht so cremig wie bei Foreigner oder Van Halen war, aber doch sandstrahlpoliert genug. Es ging, der Epoche verpflichtet, um die Kunst der Oberflächlichkeit. Sounds wurden wichtiger als Songs. Der Comebackhit "Walk This Way", mit Run DMC in einem Hybrid aus Rock und HipHop verwandelt, spielen Aerosmith als Zugabe.

Die Zeit für diese Band, für diese Musik ist abgelaufen. Arrividerci.

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