Konzert-Kritik : Brüder, zur Sonne!

Die Kings of Leon geben in Berliner Waldbühne bei ihrem einzigen Deutschlandkonzert eine eindrucksvolle Lektion in Sachen zeitgemäßer Stadionrock

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Die Kunst des Gitarrespielens mit dem Mund ist bei jüngeren Rockbands ziemlich in Vergessenheit geraten. Eigentlich sieht man diesen einst von Jimi Hendrix populär gemachten Virtuosentrick überhaupt nicht mehr. Und so ist es eine hübsche Überraschung, als Kings-of-Leon-Gitarrist Matthew Followill seine rote Gibson plötzlich sanft zu den Lippen führt und ihr langgezogene Sehnsuchtsnoten entlockt. Das sieht nicht nur spektakulär aus, sondern passt auch inhaltlich, denn der Song trägt den Titel „Closer“ – näher meine geliebte Gitarre, zu dir.

Ja, die Kings of Leon kennen sich aus mit alten und neuen Bühneneffekten. Bei ihrem einzigen Deutschlandkonzert in der ausverkauften Berliner Waldbühne liefern sie eine eindruckvolle, 100-minütige Demonstration in Sachen zeitgemäßer Stadionrock. Es flackert, qualmt und ballert aufs Prächtigste unter dem weißen Zeltdach, wobei es der Band aus Nashville gelingt, ihren phänomenalen Alben-Sound nahezu eins zu eins auf die Bühne zu transportieren. Mit dieser Mischung aus Volumen, Bombast und Gänsehautmelodien sind sie derzeit einer der Marktführer im Groß-Rock-Segment. Das beweisen die drei Followill-Brüder und ihr Gitarristen-Cousin in Berlin quasi im Vorbeigehen. Ohne viel herumzuposieren, spielen sie ein souveränes und konzentriertes Set, das sachdienlich ergänzt wird von einem Multiinstrumentalisten, der im Hintergrund Percussion, Keyboard, Trompete und immer wieder die dritte Gitarre spielt.

Zur Eröffnung gibt es mit „Four Kicks“ und „Taper Jean Girl“ zwei dreckige, kleine Schrammel-Kracher vom zweiten Album. Sie wirken wie ein Gruß an die frühe Garagenrock-Zeit der Band. Schon nach zehn Minuten setzt sie mit „Radioactive“ einen ersten Höhepunkt. Die Single ihres aktuellen Albums „Come Around Sundown“ wird jubelnd begrüßt, wie überhaupt die Stücke der neuen Platte live vorzüglich funktionieren. Der Refrain von „The Immortals“ ist wie geschaffen für eine Open-Air-Bühne: Er wird mitgesungen, die Arme fliegen in die Luft und als Jared Followill mit seinem Bass ein bisschen auf Disco macht, klatschen alle mit. Der jüngste Bruder darf gelegentlich mit seinen muskulösen Licks Akzente setzten. Doch im Zentrum des Geschehens steht ganz klar Sänger Caleb Followill, der mit zusammengekniffen Augenbrauen und seiner unverwechselbaren, leicht brüchigen Stimme singt.

Er trägt Vollbart und eine kurze Seitenscheitelfrisur, wodurch er nicht mehr ganz so modelhaft gut aussieht wie noch vor vier, fünf Jahren. In seinem ausgeleierten schwarzen Muskelshirt wirkt der 29-Jährige, als habe man ihn gerade aus seiner Lieblingsbar gezerrt, wo es bei Bier und Whisky gerade lustig wurde. „Prost!“, sagt er zwischendurch und wirft sich in die nächste Runde Herzschmerz- und Heimwehlieder seiner Gruppe. Besonders gut glückt ihnen das Bluegrass-angehauchte „Back Down South“, das zwar ohne die Pedal Steel-Gitarre und die Geige der Albumversion auskommen muss, aber dennoch ein wohliges Front-Porch-Feeling verbreitet. Dazu lassen die Scheinwerfer die Bühne in glutrotem Sonnenuntergangslicht erstrahlen.

Kaum einmal fällt die Spannung, denn die Kings of Leon haben auf ihren fünf Alben eine Menge starker Songs angesammelt, die sie nun wie Trumpfkarten auf die Bretter knallen können. „Crawl“, „Notion“, „California Waiting“, „Molly’s Chamber“ – sie alle stechen. Und natürlich verstecken die Herren ihren größten Hit, „Sex On Fire“, bis zum Schluss im Ärmel. Als sie das Ass ausspielen, grölt die gesamte Waldbühne ein geradezu kathartisches „Yeahhhh!“ in den Abendhimmel – und freut sich im kurzen Zugabenteil fast genauso sehr über „Use Somebody“, den zweiten Übersong vom bisher erfolgreichsten KOL-Album „Only By The Night“. Zum Schluss gibt’s Pyrotechnik, Flackerlicht und Feedback satt. Vor den Augen flirrt und in den Ohren klirrt es anschließend noch ein bisschen weiter. So muss es sein. Nadine Lange

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