Kultur : Konzert-Kritik: Mattglanz

Sybill Mahlke

Die Viola war lange ein Instrument im Schatten. "Wofern das ganze Accompagnement nicht mangelhaft seyn soll", fordert Johann Joachim Quantz, der Flötenlehrer des Kronprinzen Friedrich von Preußen, müsse ein Bratschist ebenso geschickt sein "als ein zweyter Violinist". Von konzertierender Führung ist nicht die Rede, nicht von der Ausnahme des sechsten Brandenburgischen Konzerts. Die Bratsche galt als ein abhängiges Instrument, das sich nach den anderen zu richten hatte. So vermutet Quantz denn auch von einem kundigen Bratschisten, "dass er nicht immer Bratschist werde verbleiben wollen". Wer das Instrument wählt, kennt solche Vorurteile bis heute. Dass die Altlage im Streichorchester und zumal im Streichquartett auch eine dankbare sein kann, eröffnete sich dem 19. Jahrhundert. Das Verhältnis von Schallkasten und Stimmung (eine Quinte unter der Violine) bringt den charakteristischen Klang hervor, der den Reiz näselnden Tons nicht verschmäht.

Zu welchem Höhenflug das Instrument sich emanzpiert hat, ist zu erleben, wenn ein Meister seines Fachs wie Yuri Bashmet das Bratschenkonzert von Béla Bartók spielt, den unvollendeten Schwanengesang des Komponisten im Exil. Die Sehnsucht heißt Ungarn, und der Monolog der Solobratsche, deren zurückhaltend instrumentierte Begleitung Bartóks Schüler Tibor Serly in Partitur gesetzt hat, ist ein musikalisches Selbstgespräch von kraftvoll reflektierender Art. Dass es sich mit dem legendären britischen Bratschisten William Primrose, als Anreger und Auftraggeber, verbindet, hat zugleich mit der gewachsenen Wertschätzung des Instruments wie seines Interpreten zu tun. Der russische Virtuose Yuri Bashmet lässt die etwas raue Stimme der Viola, die Schönheit ihres Mattglanzes aufblühen, ohne je der Versuchung zu unterliegen, "Geige auf der Bratsche" zu spielen: "Adagio religioso" als instrumentale Altrhapsodie.

Das Publikum im Konzerthaus jubelt vor Begeisterung - es erweist sich überhaupt, wie einverständlich es nun schon mit den aparten Programmen geht, die der Chefdirigent Kent Nagano ihm mit dem Deutschen Symphonie-Orchester Berlin auftischt. So stellt er zu Beginn ein frühes Werk Hans Werner Henzes einem relativ späten gegenüber, und die Dichte der "Quattro Poemi (1955) im Vergleich mit der Müdigkeit des "Verwunschenen Waldes" (1991) deutet an, warum von den vielen Opern Henzes so wenige mit bleibendem Bühnenerfolg gesegnet sind. - Die zweite Symphonie von Brahms erklingt zunächst in heiter glänzendem Fluss, weniger analytisch als verschmelzend zwischen Bläsern und Cellopizzikato im Allegretto, zum Schluss in den sotto-voce-Bögen mit der Tendenz, alles zu integrieren, nachteilig für die Innenspannung. Trotzdem ist die Streicherkultur des DSO weiter im Aufwind.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben